12. November 2005 - Vor 50 Jahren: Ernennung der ersten Soldaten der Bundeswehr

Stichtag

12. November 2005 - Vor 50 Jahren: Ernennung der ersten Soldaten der Bundeswehr

An der Frontseite der Fahrzeughalle auf dem Gelände der Bonner Ermekeil-Kaserne prangt ein fast fünf Meter großes Eisernes Kreuz - Preußens Eisernes Kreuz, zuletzt das Ehrenzeichen von Hitlers Wehrmacht. Fast alle Anwesenden haben diesen Orden im Kriegseinsatz erhalten. Verteidigungsminister Theodor Blank (CDU) überreicht den ersten 101 Freiwilligen der Bundeswehr ihre Ernennungsurkunden. Darunter sind Hans Speidel und Adolf Heusinger, die als Generalleutnante die höchsten Positionen in der Bundeswehr besetzen. Beide haben eine braune Vergangenheit: Heusinger hat im Zweiten Weltkrieg den Überfall auf die Sowjetunion maßgeblich mitgestaltet und über die Beteiligung des Heeres an der Vernichtung der Juden Bescheid gewusst. Speidel hat als Generalstabsoffizier am Frankreich- und Russlandfeldzug teilgenommen. Geiselerschießungen in Frankreich hat er wohl nicht befohlen, aber auch nicht verhindert. Die Wehrmacht war Teil der NS-Vernichtungspolitik: Sie hat für Hitlers "Vernichtungsapparat den Raum für Massen- und Völkermord" freigeschossen - und war an diesen Verbrechen auch "direkt beteiligt", wie der Journalist Ralph Giordano schreibt.

Die schlichte Feier zur Gründung der Bundeswehr findet am 12. November 1955 statt. 200 Jahre zuvor ist der preußische Armeereformer Gerhard von Scharnhorst geboren worden. Er soll als Vorbild der neuen Bundeswehr dienen. In seiner Rede skizziert Verteidigungsminister Blank das politische Profil einer "neuen Wehrmacht", die "ein gleichberechtigtes Glied der staatlichen Ordnung" Deutschlands sei und die "Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft zur Sicherung des Friedens" in Europa bewirke. Dennoch gibt es seit Beginn der 50er Jahre Proteste gegen die Wiederbewaffnung. "Ohne mich" und "Nie wieder Krieg" heißen die Parolen in weiten Teilen der Bevölkerung.

Hitlers Militärelite plant die Wiederbewaffnung

Geburtshelfer der Bundeswehr ist der Kalte Krieg. Als Frontstaat im entstehenden Ost-West-Konflikt wird die Bundesrepublik gebraucht. Offiziell ist den Deutschen jede militärische Betätigung verboten. Inoffiziell ermuntern die Amerikaner die Regierung Konrad Adenauers (CDU), die Aufrüstung in die Wege zu leiten. Adenauer lässt sich nicht lange bitten. Am 29. August 1950 übergibt er dem amerikanischen Hohen Kommissar, John McCloy, zwei Denkschriften. Adenauers Forderung: Verteidigungsbeitrag gegen nationale Selbstständigkeit. Eine eigene Armee ist für ihn nur denkbar in einem souveränen Staat. Im Oktober 1950 lässt Adenauer zehn Wehrmachtsgeneräle und Admirale im Eifelkloster Himmerod den Aufbau der Bundeswehr planen. Die Abgeschiedenheit der Zisterzienserabtei scheint geeignet, die Geheimhaltung sicherzustellen.

Das Ergebnis: "Die Militärelite des Ostfeldzugs konnte die Bewaffnung der westlichen Besatzungszonen konzipieren", schreibt der Historiker Detlef Bald. Die "Himmeroder Denkschrift" sei der Gründungskompromiss der Bundeswehr, "der die unvereinbaren Positionen der Reformer und Traditionalisten vordergründig zusammenführte". Die Traditionalisten verlangen die "Einstellung der Diffamierung" der Wehrmacht und der Waffen- SS. Der deutsche Soldat müsse rehabilitiert werden. Reformer wie der ehemalige Major Wolf Graf von Baudissin propagieren hingegen das neue Leitbild vom "Staatsbürger in Uniform". Militärhistoriker Bald: "Diese Front sollte in der Geschichte der Bundeswehr seither immer wieder geräuschvoll hervortreten." Ende der 50er Jahre liegt die Zahl der Wehrmachtsoffiziere in der Bundeswehr bei mehr als 12.000. Zudem werden über 40 Wehrmachtsgeneräle und 300 Offiziere der Waffen- SS eingestellt.

Stand: 12.11.05