5. November 1984 - Erstes kollektives Stadionverbot in England

Krawall auf Tribüne des Müngersdorfer Stadions, Köln 1984

Stichtag

5. November 1984 - Erstes kollektives Stadionverbot in England

Wie in deutschen Fußballstadien eskaliert auch in Englands Ligen die Gewalt der Hooligans. Sehr gefürchtet sind die "Headhunters" des FC Chelsea. Der FC Southampton verhängt deshalb 1984 zum Gastspiel des Ligarivalen erstmals ein totales Stadionverbot gegen alle Chelsea-Fans.

Krawall beim Fußball gibt es fast so lange wie das Spiel selbst. Bereits 1908 erbittet die Führung von Werder Bremen Hilfe bei der Polizei: "Der Grund unseres Gesuchs ist unsere Schutzlosigkeit gegenüber dem pöbelhaften Benehmen ganzer Truppen halbwüchsiger und auch älterer Burschen."

Aus den pöbelhaften Burschen werden später leidenschaftliche Schlachtenbummler mit Schals und Fahnen, organisiert in bundesweiten Fanclubs. Doch in den 60er und 70er Jahren schlägt die Leidenschaft rivalisierender Fangruppen immer häufiger in brutale Gewalt um.

Southampton fürchtet die "Headhunters"

Damals fürchten sich die deutschen Vereine vor englischen Verhältnissen. Auf der Insel sind Gewaltexzesse von Rowdys und Hooligans schon seit den Fünfzigern ständige Begleiterscheinungen von Fußballspielen und anderen Großereignissen. Zum Leidwesen der Clubs organisieren sich die aggressivsten "Fans" in nicht mehr zu kontrollierenden Hooligan-Banden. Einen besonders üblen Ruf genießen Anfang der 80er Jahre die "Headhunters" des FC Chelsea, die auch mit Neonazis in Kontakt stehen.

Als die "Kopfjäger" aus London im Oktober 1984 randalierend durch das südenglische Southampton ziehen, beschließt die Clubleitung des FC Southampton eine im britischen Fußball neue Schutzmaßnahme: Beim folgenden Heimspiel gegen den FC Chelsea am 5. November 1984 gilt für Anhänger der Londoner ein kollektives Stadionverbot. Am Gewaltproblem ändert die Maßnahme nichts, Hooligans wie die "Headhunters" sind mit einem Hausverbot nicht zu beeindrucken. Sie wollen nicht das Spiel sehen, sondern losschlagen und haben dazu außerhalb der Stadien genügend Gelegenheit.

Polizei will deeskalieren

Diese Erfahrung hat Hertha BSC Berlin bereits drei Jahre zuvor gemacht. 1981 verhängt der Zweitligist ein Stadionverbot gegen die "Hertha-Frösche". Danach zünden die Berliner Hooligans auf der Fahrt zu einem Spiel gegen Alemannia Aachen drei Eisenbahnwagen an und verursachen Schäden in Millionenhöhe. Die Gewalt der Hooligans erreicht in den Achtzigern eine neue Dimension, wie der Sportsoziologe und Gewaltforscher Gunther Pilz beobachtet hat. Sie tragen zwar noch Clubkutten, brauchen aber keine im Fußball begründete Rivalität mehr als Aggressionsmotiv.

Im durchkommerzialisierten Fußball der Neunziger mit modernen Arenen und VIP-Areas ist kein Platz mehr für überschäumende Fan-Emotionen. Dauerobservation der Ränge durch die Polizei schafft Ruhe. Dagegen rebellieren die "Ultras", die sich ihren Fußball nicht von Sponsoren nehmen lassen wollen. Gunter Pilz macht Vereine und Polizei dafür verantwortlich, dass sich ein Teil der Ultra-Szene radikalisiert: "Die konnten mit diesen Gruppen nicht umgehen und haben sie im Prinzip behandelt wie Hooligans."

Ein aktuelles Projekt des NRW-Innenministeriums sieht vor, durch geringere Polizeipräsenz an den Stadien zur Deeskalation beizutragen. Für den Gewaltforscher Pilz der richtige Weg. Die Erfahrung zeige, dass weniger Polizei, ergänzt durch einen vernünftigen Dialog mit allen Fans, zu erheblich friedlicheren Spielen führe. Für etliche tausend Extreme dagegen spielt der Fußball keine Rolle mehr, das haben die Hooligan-Krawalle in Köln vor wenigen Tagen (26.10.2014) gezeigt. Das Bündnis sonst verfeindeter Gewalttäter zu einer Randale-Demo mit Neonazis sorgt für eine neue gefährliche Dimension der Hooligan-Bewegung.

Stand: 05.11.2014

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