Stichtag

04. Mai 2009 - Vor 120 Jahren: Grundstein für Eschbach-Talsperre gelegt

"In der wasserarmen Zeit fand dann vor Sonnenaufgang ein Wettrennen der Bevölkerung nach den Talgründen statt", berichtet der Bürgermeister von Remscheid im Dürrejahr 1865. Rund 180 Meter den Berg hoch schleppen die Remscheider das Wasser aus dem Eschbachtal. Neben Trockenheit gibt es im 19. Jahrhundert noch weitere Gründe für Wasserknappheit: Das Stahl- und Kohlerevier boomt und die Bevölkerung wächst. Ab 1875 fordert Otto Intze, Professor für Wasserbau an der Technischen Universität Aachen: "Baut Talsperren!" Er propagiert Stauseen als Lösung sämtlicher Wassernöte: Wasser für Schiffskanäle, Bewässerung, elektrische Energie und Trinkwasser. Dagegen gibt es zunächst Widerstand - aufgrund vieler Dammbrüche im Ausland. Als im regenarmen Sommer 1887 die durstigen Remscheider aber doch nach einer Talsperre rufen, hat Intze die Pläne dafür schon in der Schublade. Der Grundstein für die erste Trinkwasser-Talsperre Deutschlands wird am 4. Mai 1889 gelegt.

Kurz nach Baubeginn im Eschbachtal bricht am 31. Mai 1889 im US-Bundesstaat Pennsylvania der South-Fork -Damm oberhalb der Stadt Johnstown. Rund 2.200 Menschen sterben dort durch eine Flutwelle. Intze beruhigt: "In diesem Falle waren eine unverantwortliche Leichtsinnigkeit in der Ausführung und jeglicher Mangel einer Kontrolle und geeigneter Unterhaltung der Anlage die Ursache der Zerstörung." Deshalb setze er auf penible Materialkontrolle, permanente Bauaufsicht und wissenschaftliche Berechnung der Konstruktion. "Die Eschbach-Talsperre ist eine sogenannte Gewichtsstaumauer", erklärt Professor Ekkehard Heinemann, Wasserbau-Experte an der Fachhochschule Köln. Das heißt, durch das Gewicht der Mauer und ihre leichte Bogenform wird das Wasser zurückgehalten. Dutzende solcher Staumauern plant und baut der Aachener Experte Intze. Die Eschbach-Talsperre wird als erste bis 1891 errichtet. Sie fasst eine Million Kubikmeter, ist 160 Meter lang, bis 25 Meter hoch und bis 14,5 Meter dick.

Nach Intzes Tod 1904 zweifeln seine Kollegen schon bald an der Standsicherheit seiner Bauwerke. 1926 spricht einer seiner Schüler offen über einen Geburtsfehler: Die Gefahr, dass eine Schwergewichtsmauer ins "Gleiten" geraten könne, sei damals "nicht immer genügend erkannt" worden. Durch das Grundwasser, das sich unter der Sperre sammelt und von unten gegen die Mauer drückt, erhält diese Auftrieb und verliert mit der Zeit an Standfestigkeit. 100 Jahre nach der Einweihung ist es dann soweit: Die Staumauer wird von 1991 bis 1994 saniert - mit Drainagen und meterdicken, vorgesetzten Betonverstärkungen.

Stand: 04.05.09