20. Oktober 2004 - Vor 35 Jahren: Der sechste Deutsche Bundestag tritt erstmals zusammen

Stichtag

20. Oktober 2004 - Vor 35 Jahren: Der sechste Deutsche Bundestag tritt erstmals zusammen

"20 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR müssen wir ein weiteres Auseinanderleben der deutschen Nation verhindern, also versuchen, über ein geregeltes Nebeneinander zu einem Miteinander zu kommen." Der 74-jährige Alterspräsident William Borm leitet am 20. Oktober 1969 die erste Sitzung des sechsten Bundestages, und in seiner Rede beschreibt der FDP-Abgeordnete aus Berlin bereits die Schwerpunkte der neuen sozial-liberalen Koalition. Dazu gehört die Entspannungspolitik gegenüber den Ostblock-Staaten. Der angestrebte "Wandel durch Annäherung" soll auch das komplizierte deutsch-deutsche Verhältnis entkrampfen.

Bis auf einen sind alle Abgeordneten zur ersten Sitzung in Bonn erschienen. "Ein Hauch von Neubeginn lag über dem Plenarsaal, aber auch ein Hauch von Wehmut", beschreibt die "Frankfurter Allgemeine" die Stimmung. Die Auftaktsitzung, bei der erneut Kai-Uwe von Hassel zum Bundestagspräsidenten gewählt wird, ist die Generalprobe für die politisch wichtigere Kanzlerwahl am nächsten Tag. Da vollzieht sich der erste echte Machtwechsel der Bundesrepublik: Willy Brandt wird zum ersten sozialdemokratischen Kanzler der Bundesrepublik gewählt. Seine SPD/FDP-Koalition erhöht die Sozialleistungen, setzt die Arbeitnehmermitbestimmung durch und senkt das Wahlalter auf 18 Jahre. In der internationalen Politik sorgt die Regierung Brandt/Scheel durch die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gegenüber Polen und durch die Ostverträge für Entspannung. Für seine Versöhnungspolitik erhält Kanzler Willy Brandt 1971 den Friedensnobelpreis.In der Bundesrepublik bleibt die neue Ostpolitik heftig umstritten. Mehrere Abgeordnete verlassen die Koalitionsfraktionen, Brandts Mehrheit wackelt. CDU/CSU wollen Brandt mit einem Misstrauensvotum stürzen und Rainer Barzel als neuen Kanzler wählen. Doch der Coup misslingt - weil zwei CDU-Abgeordnete bestochen worden sind, wie sich später herausstellt. Brandt bleibt ein Kanzler ohne sichere Mehrheit - bis zu vorgezogenen Neuwahlen im November 1972: Da erringt die SPD mit 45,8 Prozent ihr bis heute bestes Ergebnis.Stand: 20.10.04