Stichtag

01. Mai 2008 - Vor 100 Jahren: Geburtstag des Satirikers Giovanni Guareschi

Jahr für Jahr machen zehntausende Italien-Touristen einen Abstecher nach Brescello. Interessantes hat das schmucklose 5.000-Seelen-Städtchen in der oberitalienischen Po-Ebene eigentlich kaum zu bieten. Trotzdem kommen dem Besucher Kirche, Marktplatz und die Sträßchen drum herum auf seltsame Weise vertraut vor. Man wäre wenig erstaunt, würde aus dem Portal des Gotteshauses plötzlich ein pferdegesichtiger Pfarrer mit wehender Soutaneheraus stürmen. Und wenn Hochwürden dann vor dem gegenüberliegenden Municipio, dem Rathaus, auf einen wutschnaubenden, schnauzbärtigen Bürgermeister träfe, so wäre es wahrlich kein Wunder, wenn zwischen den beiden die Fäuste fliegen würden.

Vor einem halben Jahrhundert ist dergleichen häufiger passiert, denn das Örtchen Brescello ist die Kino-Heimat von Don Camillo und Peppone. In fünf Filmen haben Fernandel und Gino Cervi die beiden hier auf unnachahmliche Weise lebendig werden lassen. Giovanni Guareschi allerdings, der Schöpfer der beiden weltberühmten Streithammel, hat in seinem 1948 erschienener Erstling "Mondo piccolo: Don Camillo" ihre Heimat nur den "kleinen Ort in der norditalienischen Po-Ebene" genannt. So spiegelt das Leben in Don Camillos fiktivem Kirchensprengel im Kleinen all das, was sich in der Nachkriegszeit im Großen in ganz Italien abspielt: den Überlebenskampf bettelarmer Bauern gegen skrupellose Großgrundbesitzer und den ideologische Kampf der kommunistischen Partei gegen die Allmacht der katholischen Kirche.

Giovanni Guareschi, am 1. Mai 1908 ganz in der Nähe von Brescello in eine traditionell sozialistische Familie hineingeboren, beginnt seine Autorenkarriere als Lokaljournalist und Humorist. 1936 übernimmt er die Chefredaktion der satirischen Wochenzeitung "Il Bertoldo". Sieben Jahre später muss der entschiedene Gegner von Faschismus und Kommunismus in den Krieg ziehen. 1946, nach zwei Jahren in deutschen Gefangenenlagern, kehrt Guareschi in seine oberitalienische Heimat zurück und startet mit der Gründung des konservativen Satiremagazins "Il candido" seine Nachkriegskarriere als unbequemer politischer Meinungsmacher und Karikaturist. Als überzeugter Christdemokrat lässt er kein gutes Haar am politischen Gegner, aber auch die führenden Köpfe seiner Partei bekommen Guareschis spitze Feder zu spüren. An Weihnachten 1946 veröffentlicht er die erste von insgesamt 366 Geschichten um den polternden Don Camillo, die ihn nach dem Erfolg der Fernandel-Filme von Julien Duvivier weltberühmt machen. Von den Tantiemen kauft sich Giovanni Guareschi in Roncole, nicht weit von seinem Geburtsort Fontanelle di Roccabianca entfernt, eine Kneipe, die er zum Restaurant ausbaut und bis zu seinem Tod am 22. Juli 1968 betreibt.

Stand: 01.05.08