Stichtag

21. Januar 2008 - Vor 75 Jahren: Gustaf Gründgens spielt zum ersten Mal den Mephisto in Faust II

21. Januar 1933, neun Tage vor Adolf Hitlers Machtübernahme: Im Staatlichen Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt hat der zweite Teil von Goethes "Faust" Premiere. In der Rolle des Mephisto glänzt ein 33 Jahre alter Schauspieler aus Düsseldorf, der bisher nur Schurken spielen durfte: Gustaf Gründgens. Wie schon im ersten Teil der Tragödie, der sechs Wochen zuvor Premiere hatte, brilliert Gründgens. Er spielt mit verblüffender Leichtigkeit und Klarheit, ist witzig, schillernd, überraschend - ein Funken sprühender Verführer, der sogar das behäbige Staatstheater-Publikum elektrisiert. Mehrere hundert Mal interpretiert Gründgens diese Rolle in seinem Leben. Bald gilt er als der deutsche Mephisto. Seine weiße Teufelsmaske wird zur Theaterikone. Doch auch Gründgens selbst wird immer wieder mit dem gefallenen Engel Mephisto identifiziert. Denn nicht nur von den Theaterkritikern erhält Gründgens Beifall, sondern auch von den Nazis.

Gründgens und die Nazis - das ist eine Verbindung, die zunächst absurd scheint. Dieser dekadente Dandy mit dem Monokel, der Männer mehr als Frauen liebt und mit den Linken kokettiert, passt offenbar nicht in das nationalsozialistische Kulturverständnis. Hitlers Propaganda-Chef Joseph Goebbels findet ihn unmöglich. Doch im Mai 1933 sieht Hermann Göring Gründgens als Mephisto auf der Bühne - neben seiner Geliebten Emmy Sonnemann als Gretchen. Der preußische Ministerpräsident wird zu seinem Gönner. 1934 ernennt Göring seinen Günstling zum Intendanten der Bühne am Gendarmenmarkt, die ihm direkt untersteht. Alle anderen Theater werden von Goebbels kontrolliert. Gründgens geht den Pakt mit dem Teufel ein. Er glaubt, sich als Künstler aus der Politik heraushalten zu können. Für ihn ist das Staatstheater eine Insel inmitten des faschistischen Staates: "Auf diese Insel haben sich eben die besten Schauspieler geflüchtet, die nur irgend konnten", sagt Gründgens später. Er nutzt seine Stellung, um bedrohten Kollegen zu helfen.

Das Theater wird unter Gründgens zur herausragenden Bühne Deutschlands - und "zu einem Aushängeschild des Hitler-Staates", sagt die Berliner Gründgens-Expertin Dagmar Walch. Gründgens und seine zweite Frau, die Schauspielerin Marianne Hoppe, gehören zu den Vorzeigekünstlern des Regimes. Seinem Gönner richtet der Intendant sogar die Geburtstagsparty im Theater aus. Klaus Mann, ehemaliger Schwager von Gründgens, veröffentlicht 1936 im Exil den Schlüsselroman "Mephisto". Darin beschreibt Mann den Schauspieler als gewissenlosen Opportunisten, der für die Karriere im "Dritten Reich" seine Seele verkauft. Obwohl Gründgens seine Karriere auch in der Nachkriegszeit fortsetzen kann, als Intendant in Düsseldorf und später in Hamburg, wird ihm seine Kollaboration mit den Nazis immer wieder vorgeworfen - bis zu seinem Tod in Manila 1963.

Stand: 21.01.08