09. August 2006 - Vor 50 Jahren: Bautzen II wird Sondergefängnis der Stasi

Stichtag

09. August 2006 - Vor 50 Jahren: Bautzen II wird Sondergefängnis der Stasi

Die Transporter sind auffällig unscheinbar. "Ostsee-Fisch – frisch auf dem Tisch" steht zum Beispiel auf den Seitenwänden. Drinnen ist der Lagerraum in Mini-Zellen aufgeteilt. Hier sitzen die Häftlinge an Händen und Füßen gefesselt oft stundenlang in sengender Hitze, bis sie ihr Ziel erreichen: das neue Stasi-Gefängnis Bautzen II, 60 Kilometer hinter Dresden. Am 9. August 1956 wird es eröffnet. Aus anderen Gefängnissen waren einfach zu viele politische Gefangene geflohen.Bautzen II ist den größten Feinden des real existierenden Sozialismus vorbehalten: Kommunisten, die versucht hatten, Reformen durchzudrücken, oder Journalisten aus dem nahen Ausland, also aus dem Westen Deutschlands. Journalisten wie Karl-Wilhelm Fricke. 1949 flieht er in den Westen, recherchiert über politische Verfolgung in der DDR. 1955 entführt ihn ein Kommando der Staatssicherheit aus West-Berlin in die DDR. Ein Gericht verurteilt ihn wegen "Kriegshetze". Mit 124 anderen Gefangenen wird Fricke ein Jahr später ins neu eingerichtete Bautzen II. verfrachtet. Vier Jahre muss er in Einzelhaft verbringen, bevor er nach West-Berlin entlassen wird.

Insgesamt werden 2.500 Häftlinge in Bautzen II eingeliefert, das heute eine Gedächtnisstätte ist. Prominente Insassen sind Walter Janka, Erich Loest oder Rudolf Bahro, der es schafft, eine Nachricht über die Haftbedingungen über Mittelsmänner an den "Spiegel" weiterzuleiten. Bei den Schikanierungsmethoden lassen sich die Gefängnisbetreiber einiges einfallen. Ein "Tigerkäfig" schränkt die Bewegungsfreiheit Aufmüpfiger bedenklich ein, Betten werden nur auf Anordnung der Wächter heruntergeklappt. Nicht isolierte Zellen an den Außenwänden der Haftanstalt, an denen das Kondenswasser im Winter zu Eiszapfen gefriert, dienen der Kältefolter. Überall riecht es nach Kot und Schweiß: die Gefangenen müssen verstopfte Plumpsklos nutzen und dürfen nur alle zwei Wochen duschen. Stasi-Chef Erich Mielke nutzt alle Foltermöglichkeiten, die keine Spuren hinterlassen. Aber eigentlich ist ihm dies nicht genug. "Wenn wir nicht gerade jetzt hier in der DDR wären", offenbart er treuen Genossen, "und ich wär' so in der glücklichen Lage wie in der Sowjetunion, dann würde ich einige erschießen lassen. Kurzen Prozess machen. So, fertig."

Stand: 09.08.06