31. Januar 1951: Alliierte begnadigen deutsche Kriegsverbrecher

Stichtag

31. Januar 1951: Alliierte begnadigen deutsche Kriegsverbrecher

Am Anfang war das Wort, heißt es im Johannes-Evangelium. Am Anfang der Bundesrepublik war die Amnestie, schreibt der Historiker Norbert Frei. Dutzende von Kriegsverbrechern, die in der oberbayerischen Haftanstalt Landsberg einsitzen, werden am 31. Januar 1951 durch die Alliierten begnadigt. Gefangen gehalten werden dort unter anderem Wehrmachtsgeneräle, SS-Einsatzgruppenführer, Mediziner und Bankiers. Zwar bestätigt der amerikanische Hochkommissar für Deutschland, John McCloy, fünf Todesstrafen, zehn wandelt er jedoch in Haftstrafen um. 20 Zeitstrafen werden reduziert und 32 Häftlinge kommen frei. "Es war eine groß angelegte Gnaden-Arie, die da begann", erinnert sich Robert Kempner, stellvertretender Chefankläger von Nürnberg. Zu den Entlassenen gehört auch Alfried Krupp. Er lässt sich ins feinste Hotel am Ort chauffieren. Dort lädt er zum Sektfrühstück. Sein beschlagnahmtes Vermögen bekommt der Essener Industrielle ebenfalls zurück. In Nürnberg war er wegen der Ausbeutung von Zwangsarbeitern und der engen Beziehungen seines Unternehmens zum  NS-Regime zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden.1958 sind schließlich alle Häftlinge aus Landsberg und den Haftanstalten der Briten und Franzosen in Werl und Wittlich auf freiem Fuß. Schon vor der Gründung der Bundesrepublik 1949 haben prominente Kirchenvertreter Gnade für inhaftierte NS-Täter gefordert, wie etwa der Kölner Kardinal Joseph Frings. 1947 hat Pfarrer Martin Niemöller einen Schlussstrich gefordert. In einer Denkschrift haben er und andere die Kriegsverbrecher-Prozesse von Nürnberg als "menschenverachtende Siegerjustiz" kritisiert.

In der Politik gibt es ebenfalls Amnestiebestrebungen: "Eine Partei, die damals sich klar abgesetzt hätte von den Landsbergern, hätte einpacken können", sagt Staatsrechtler Ingo Müller. Auch Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) schickt Weihnachtsgrüße in die Haftanstalt Landsberg. Konrad Adenauer (CDU) habe sich bei McCloy für die dort einsitzenden Industriellen und Offiziere eingesetzt und ihn "subtil erpresst", so Müller: "Der deutsche Beitrag zur Nato oder zur westlichen Allianz ist nicht umsonst zu haben, sondern um den Preis der Rehabilitation der deutschen Soldaten." Adenauer weiß: Mit der Remilitarisierung wird Westdeutschland vom Kriegsgegner zum Bündnispartner - und einen solchen brauchen die West-Alliierten im beginnenden Kalten Krieg. Die Wiederbewaffnung wird von den Besatzungsmächten deshalb ebenfalls gewollt. Gegründet wird die Bundeswehr am 12. November 1955. Offizieller Berater der Bundesregierung in dieser Zeit ist der ehemalige Generalfeldmarschall Erich von Manstein - aufgrund seiner militärischen Erfahrung. Er war von einem britischen Militärgericht wegen Kriegsverbrechen zu zwölf Jahren Haft verurteilt und 1953 vorzeitig aus der Haft entlassen worden.


Stand: 31.01.06