11. August 1806: Erste deutsche Blindenschule gegründet

Stichtag

11. August 1806: Erste deutsche Blindenschule gegründet

1784 gastiert die blinde Pianistin Maria Theresia von Paradis während einer Europatournee in Paris. Der Auftritt ist eine kleine Sensation. Denn noch immer ist die Bevölkerung davon überzeugt, dass Menschen, die nichts sehen können, auch zu nichts nütze sind. Der Diplomat im Außenministerium Valentin Haüy war schon immer anderer Ansicht. Von der Pianistin ist er derart begeistert, dass er in der französischen Hauptstadt eine Blindenanstalt gründet. 1806 kommt Haüy nach Berlin und lernt den Wittenberger Privatgelehrten Johann August Zeune kennen. Gleichzeitig führt er einen seiner Schüler König Friedrich Wilhelm III. vor. Der Monarch beschließt die Gründung einer "Preußisch-Königlichen Blindenanstalt", mit Zeune als Direktor. Am 11. August 1806 unterzeichnet er die Gründungsurkunde. Es ist die erste Schule für blinde Kinder in Deutschland.

In seiner kleinen Schule lehrt Zeune Geographie, Mathematik und Sprachen wie an einem Gymnasium. Seine Frau Auguste unterrichtet Handarbeiten und Seilerei für die Ärmeren. Allmählich etabliert sich die Einrichtung. Dies liegt nicht zuletzt an den so genannten Fremdenstunden, in denen die blinden Schüler jeden Mittwoch von zehn bis zwölf Uhr vor Gästen aus dem In- und Ausland ein Examen zu bestehen haben. Siemens stellt für den Physikunterricht seine neuesten Apparate zum Telegraphieren zur Verfügung, Alexander von Humboldt gehört zu den Förderern. Felix Mendelssohn-Bartholdy vertont die "Schwimmlieder", die Zeune für die Leibesertüchtigung im Wasser erdichtet hat. Musik ist ohnehin Zeunes pädagogisches Steckenpferd. In Schulkonzerten werden Haydns "Jahreszeiten" und größere Passagen aus Mozarts "Requiem" aufgeführt. Jeder soll sehen, was Blinde leisten können.41 Jahre lang leitet Zeune seine Blindenschule, die noch heute seinen Namen trägt. Als er 67 Jahre alt ist, legen ihm seine Vorgesetzten die vorzeitige Pensionierung nahe. Begründung: Schließlich sei er inzwischen selbst erblindet. Zeune nimmt an. Er stirbt 1853 in Berlin.

Stand: 11.08.06