12. Mai 1991: Letzte Mittelstrecken-Rakete SS-20 vernichtet

Stichtag

12. Mai 1991: Letzte Mittelstrecken-Rakete SS-20 vernichtet

Der Bau der sowjetischen Mittelstrecken-Rakete vom Typ SS-20 unterliegt absoluter Geheimhaltung. "Nicht einmal unser Nachrichtendienst wusste etwas davon", erinnert sich Nikolaj Leonow, der damals als Chefanalytiker beim sowjetischen KGB arbeitete. "Der industriell-militärische Komplex war keiner anderen Kontrolle unterstellt, nicht einmal der Armee. Wir vom Geheimdienst erhielten die Nachricht auf Umwegen, aus westlichen Quellen." 1976 nehmen die ersten sowjetischen Schwertransporter riesige Eisen-Zylinder Huckepack. In den Röhren verborgen sind die neuen Atomraketen: Die SS-20 ist 16,5 Meter lang und hat ein Startgewicht von 37 Tonnen. Ihre atomare Ladung besitzt die achtzigfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Von diesen Raketen gibt es im Ostblock insgesamt 654 Exemplare.

Die USA bleiben zunächst gelassen. Denn die SS-20 kann zwar Europa erreichen, nicht aber Amerika. Bundeskanzler Helmut Schmidt hingegen schlägt Alarm: "Ich kann mich erinnern, dass der damalige sowjetische Premierminister Kossygin, kaum verhüllten Triumph in der Stimme, mir gesagt hat: 'Die Amerikaner bringen die SS-20-Frage ja gar nicht auf den Konferenztisch, also du bist ganz isoliert.'" 1979 setzt Schmidt den Nato-Doppelbeschluss durch: Zunächst vier Jahre verhandeln; wenn dann keine Lösung in Sicht ist, soll mit Marschflugkörpern vom Typ Cruise Missile und Mittelstrecken-Raketen des Typs Pershing II nachgerüstet werden.

1981 wird Ronald Reagan neuer US-Präsident. Er will die Sowjets in die Knie rüsten. Zwei Jahre später scheitern die Abrüstungsverhandlungen in Genf. In der Bundesrepublik protestiert die Friedenbewegung gegen die geplante Nato-Nachrüstung. Aus ihrer Sicht wächst dadurch die Gefahr eines Atomkrieges, da die Vorwarnzeiten kürzer werden und Fehlalarme zu einer unbeabsichtigen Eskalation führen könnten. Denn eine Pershing kann binnen zwölf Minuten Moskau erreichen, auf 50 Meter genau treffen und unterirdische Atombunker knacken. Die Cruise Missiles können das sowjetische Radar unterfliegen. Trotz der Proteste werden 572 Cruise Missiles und Pershing II stationiert. Bewegung in die verfahrene Situation bringt Michail Gorbatschow, der 1985 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wird. Zwei Jahre später unterschreiben er und Reagan in Washington einen Vertrag über die Vernichtung der Mittel- und Kurzstrecken-Raketen: Die landgestützten nuklearen Mittelstreckensysteme in Europa werden abgebaut. Die letzten zwei Mittelstrecken-Raketen vom Typ SS-20 werden am 12. Mai 1991 auf dem Versuchsgelände Kapustin Jar in Mittelrussland gesprengt. Die USA hatte die letzte Pershing II bereits einige Tage zuvor zerstört.

Stand: 12.05.06