05. März 2006 - Vor 60 Jahren: Churchill prägt den Begriff "Eiserner Vorhang"

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05. März 2006 - Vor 60 Jahren: Churchill prägt den Begriff "Eiserner Vorhang"

Union Jack, Sternenbanner, Luftballons - Winston Churchill wird mit großem Jubel empfangen, als er zum ersten Mal seit Kriegsende und seit seiner Ablösung als britischer Premierminister die USA besucht. Fulton, ein abgelegenes Städtchen im Bundesstaat Missouri, ist am 5. März 1946 Schauplatz eines internationalen Medienereignisses. Über 3.000 Zuhörer und Journalisten drängen sich im Westminster College, als der amerikanische Präsident Harry S. Truman den britischen Oppositionsführer als "Privatmann" vorstellt. Churchill appelliert in seiner Rede an die USA, sich für Europa einzusetzen und sich nicht wie nach dem Ersten Weltkrieg zurückzuziehen. Dabei verwendet der 72-Jährige ein Schlagwort, das er bereits am Tag nach dem Waffenstillstand mit Japan, im August 1945, benutzt hat. Churchill spricht vom "Eisernen Vorhang", der nun Europa teile: "Von Stettin am baltischen Meer bis Triest an der Adria ist quer durch den Kontinent ein eiserner Vorhang gefallen." Dahinter lägen "alle Hauptstädte der früheren Länder Zentral- und Osteuropas" - "in ständig zunehmendem Maße der Moskauer Kontrolle unterworfen".Churchill ist nicht der erste, der sich des bildhaften Ausdrucks "Eiserner Vorhang" bedient: Hitlers Propaganda-Chef Joseph Goebbels hatte dreizehn Monate zuvor in einem Artikel für die Wochenzeitung "Das Reich" im Februar 1945 phantasiert, dass sich bei einer - nicht in Frage kommenden - deutschen Kapitulation vor dem von der UdSSR besetzten Territorium "sofort ein eiserner Vorhang heruntersenken" würde, "hinter dem dann die Massenabschlachtung der Völker" begänne. Ursprünglich wurde mit dem Begriff im Theater die Feuerschutzvorrichtung zwischen Bühnen- und Zuschauerraum bezeichnet.

In seiner Fulton-Rede, die im Radio übertragen wird, spricht sich Churchill für eine Politik der Stärke aus: Nichts würden die "russischen Freunde" so sehr bewundern "wie Kraft und Macht, und nichts verachten sie so sehr wie militärische Schwäche". Er schlägt einen "Bruderbund der englisch sprechenden Völker" vor - inklusive einer gemeinsamen Nationalität. Sowjetführer Stalin zeigt sich über Churchills Äußerungen erbost: Für ihn ist der Ex-Premier ein Kriegstreiber und Rassist, weil er die Theorie vertrete, "dass nur englisch sprechende Völker vollwertige Nationen seien und die Herrschaft über die übrigen Völker der Welt übernehmen müssten". Die europäischen Länder hätten ihr Blut jedoch für die "Rettung der Freiheit und Unabhängigkeit" vergossen "und nicht, um die Herrschaft Hitlers mit der Churchills zu vertauschen". Für die USA dienen Churchills Äußerungen hingegen schon bald zur Begründung ihrer Politik. Präsident Truman sagt 1947 im amerikanischen Kongress: "An diesem Punkt der Weltgeschichte steht fast jede Nation vor der Wahl zwischen zwei Systemen. Die Wahl ist allerdings zu oft nicht frei. Ich glaube, dass wir die freien Völker dabei unterstützen müssen, ihr Schicksal frei wählen zu können." Die als Truman-Doktrin bekannt gewordene Forderung eröffnet die heiße Phase des Kalten Krieges. Die Frontlinie zwischen den beiden Machtblöcken verläuft durch das geteilte Deutschland.

Stand: 05.03.06