16. Mai 2006 - Vor 125 Jahren: Start der ersten elektrische Straßenbahn der Welt

Stichtag

16. Mai 2006 - Vor 125 Jahren: Start der ersten elektrische Straßenbahn der Welt

Zwei Pferdestärken sind entschieden zu langsam. Im schnell wachsenden Berlin um 1880 sind die Pferde, die die Waggons des Personennahverkehrs zwischen Brandenburger Tor und Charlottenburger Chaussee über die Schienen ziehen, einfach nicht mehr zeitgemäß. "Man befand sich ja damals in der Gründerzeit", sagt der Berliner Straßenbahn-Direktor Klaus Dietrich Matschke heute. "Es entstand das Bedürfnis nach Beförderung." Schnellere Beförderung, um genau zu sein. In Zeiten, in denen sich Wohnort und Arbeitsplatz immer weiter voneinander entfernen, sind die zehn Stundenkilometer der klassischen Pferdebahnen einfach nicht mehr rasant genug.Der Unternehmer und geniale Tüftler Werner von Siemens soll die Verkehrsprobleme der Großstadt lösen. Ursprünglich plant er eine Hochbahn. Aber die Anwohner protestieren gegen die befürchtete Verschandelung ihrer Gegend. Von Siemens holt seine technischen Phantasien deshalb auf den Boden zurück und setzt sein Gefährt mit seinem eigens entwickelten Elektromotor auf die Schiene. Am 16. Mai 1881 geht die erste elektrische Straßenbahn der Welt im Villenvorort Lichterfelde in Betrieb. Nur 2,5 Kilometer lang ist die Strecke zwischen Kadettenanstalt und Anhalter Bahnhof. Äußerlich wie ein kleiner Pferdewagen konzipiert, setzt sich der Zug zum Erstaunen der ersten Zaungäste "ohne sichtbare Bewegungs-Ursache" in Gang - um alsbald "schnell dahinrollend den Blicken der Gesellschaft" zu entschwinden. Damit die Bahnen nicht entgleisen, muss der Fahrkartenkontrolleur für die gleichmäßige Verteilung der Passagiere sorgen. Geschieht dennoch ein Malheur, springen die maximal 20 Fahrgäste der Überlieferung zufolge kurzerhand ab und heben den Waggon wieder auf die Stränge.

Werner von Siemens' Erfindung setzt sich rasend schnell durch. Zwischen 1896 und 1902 wird das komplette Pferdebahnnetz Berlins elektrifiziert. "Die Bahn macht jetzt viel Furore", schreibt von Siemens stolz an den Bruder. "Das Ding geht in der Tat sehr nett." Heute ist das nett gehende Ding aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

Stand: 16.05.06