Mowglis Vater

18. Januar 2006 - Vor 70 Jahren: "Dschungelbücher"-Autor Rudyard Kipling stirbt

Mowglis Vater

Ende des 19. Jahrhunderts muss der britische Autor Rudyard Kipling öfters an seine Heimat denken. Nicht in England, in Indien fühlt er sich zu Hause, damals eine Kolonie der Krone. In Erinnerung an die Zeit seiner Kindheit schreibt er seine bekanntesten Tiererzählungen, die "Dschungelbücher" (1894/95). Darunter ist auch die Geschichte des jungen Mowgli, der ohne Kontakt zu den Menschen von Tieren des Dschungels aufgezogen wird, den Tiger Shere Khan besiegt und zum Herrn der Tiere wird. Dank der geglätteten Fassung im gleichnamigen Zeichentrickfilm von Walt Disney ist die Geschichte bis heute weltberühmt. Das Original aber steckt voller imperialistischer und chauvinistischer Gedanken. Begriffe wie "Autorität" und "Selbstzucht" stehen dabei im Zentrum.Kipling wird 1865 in Bombay geboren. Noch bevor er Englisch lernt, wird er mit Hindi vertraut gemacht. 1871 geben ihn die Eltern in eine prügelnde Pflegefamilie nach England, um ihn nach englischen Maßstäben erziehen zu lassen. Zehn Jahre bleibt er auf der Insel, bevor er nach Indien zurückkehrt, und wird Schüler in einem Internat, das auf den Kolonialdienst vorbereiten soll. Mit Erfolg: Zeit seines Lebens ist Kipling erfüllt von der Idee, dass England seine Untertanen in der exotischen Fremde zivilisieren müsse. In einem Gedicht bezeichnet Kipling diese Aufgabe als "Bürde des weißen Mannes": "Schickt die besten aus, die ihr erzieht", heißt es dort: "Ergreift die Bürde des weißen Mannes / Die wüsten Kriege des Friedens / Füllt den Mund des Hungers / Und gebietet der Krankheit Einhalt."

Der Gedanke an die Überlegenheit der westlichen Kultur prägt Kiplings Texte ebenso wie ein präziser, von Ironie geprägter Stil. Seit er mit 16 Jahren stellvertretender Herausgeber einer Lokalzeitung geworden ist, schreibt der Autor Reportagen, aber auch Gedichte und teils phantastische Geschichten, die ihn zu einem der beliebtesten Schriftsteller Englands und der USA werden lassen. Trotz seiner imperialistischen, staatstragenden Auffassungen will er als Bürger des britischen Empire seine Unabhängigkeit bewahren. Zweimal lehnt er den höchsten britischen Orden ab. Aber seine literarischen Qualitäten lässt er gerne feiern. "In Anerkennung der Beobachtungsgabe, der ursprünglichen Einbildungskraft sowie der männlichen Stärke in Auffassung und Schilderungskunst" wird ihm 1907 der Literatur-Nobelpreis verliehen. Kipling stirbt am 18. Januar 1936 in London. Da gelten seine Bücher unter Zeitgenossen bereits als überholt und reaktionär.Stand: 18.01.06