Stichtag

25. Februar 2006 - Vor 50 Jahren: Ende des 20. Parteitages der KPdSU

Bei seinem Tod gilt Josef Stalin in der Sowjetunion noch als gottähnliche Lichtgestalt: "Das Sowjetvolk nimmt Abschied von seinem großen Führer und Lehrer, dem geliebten Stalin", kommentiert ein russischer Radiomoderator am 9. März 1953 dessen Beisetzung im Mausoleum am Roten Platz. Keine Rede davon, dass der verstorbene Chef der Supermacht UdSSR Millionen von Bauern verhungern ließ, Millionen Menschen in den Gulag schickte und seine Fehlentscheidungen im Zweiten Weltkrieg Zehntausenden von Rotarmisten das Leben gekostet hatten. Unmittelbar nach Stalins Tod beginnt ein blutiger Nachfolge-Kampf. Der Moskauer Parteichef Nikita Chruschtschow sammelt Verbündete, um den Chef des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, Lawrewnti Berija, auszuschalten, der für Stalins Säuberungen mitverantwortlich war. "Ich wusste seit langem: Er war kein Kommunist. Er war ein Schlächter und Mörder", so Chruschtschow. Auf einer Sitzung des Zentralkomitees lässt er Berija verhaften und später heimlich erschießen. Chruschtschow wird am 13. September 1953 zum Generalsekretär der KPdSU gewählt.Stalins Mythos lebt dennoch weiter - in Hymnen, Büsten, Gedichten. Erst drei Jahre nach Stalins Tod wagt es Chruschtschow, das Denkmal ins Wanken zu bringen. Am Ende des 20. Parteitages der  KPdSU hält er am 25. Februar 1956 eine Geheimrede über die Verbrechen in der Stalinzeit. Um von seiner eigenen Verantwortung abzulenken, tut Chruschtschow so, als wäre er erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Führung der Partei und des Landes aufgestiegen. Tatsächlich gehörte er dieser Gruppe jedoch bereits seit der zweiten Hälfte der 30er Jahre an. Zu Beginn seiner Rede zitiert Chruschtschow abfällige Äußerungen Lenins über Stalin: Lenin habe Stalin völlig richtig charakterisiert, als er erklärt habe, Stalin sei "äußerst grob" und launenhaft gewesen. Zudem habe er seine Macht missbraucht. Chruschtschow kritisierte den Ausdruck "Feind des Volkes", den Stalin geprägt habe: "Dieser Terminus ermöglichte die Anwendung der schrecklichsten Unterdrückung, die alle Formen revolutionärer Gesetzmäßigkeit verletzte; davon betroffen wurden alle, die in irgendeiner Weise mit Stalin nicht einverstanden waren."

Zum ersten Mal wird der Personenkult um Stalin und dessen Verantwortung für die massenhaften und massiven Repressionen in den 30er Jahren parteiintern angeprangert. Stalingrad heißt plötzlich Wolgograd, Stalin-Skulpturen verschwinden aus dem öffentlichen Leben und Stalins Leichnam wird "entsorgt": raus aus dem Mausoleum, rein in ein Grab außerhalb der Kremlmauer. Die 43 Seiten der Geheimrede werden als rotes Heftchen gedruckt und einzeln nummeriert. Funktionäre müssen den Empfang quittieren, ihren Kollektiven den Text vorlesen und das Heft danach wieder abgeben. Dennoch gelangt eine Kopie der Rede in die USA, wo sie am 4. Juni 1956 in der New York Times gedruckt wird. Zwei Tage später erscheint sie in Le Monde. In der Sowjetunion wird der volle Wortlaut allerdings erst 1989 veröffentlicht.Stand: 25.02.06