01. April 2006 - Vor 50 Jahren: Theodor Erhard, Vater von Ludwig und Heinz, stirbt

Stichtag

01. April 2006 - Vor 50 Jahren: Theodor Erhard, Vater von Ludwig und Heinz, stirbt

Gardinenhändler Theodor Erhard schreibt keine Geschichte. Seine Söhne jedoch prägen als Politiker und Komiker das deutsche Wirtschaftswunder: Ludwig und Heinz - zwei völlig unterschiedliche Brüder. "Ihr Leben und Handeln ist nur zu verstehen, wenn man sich mit ihrem Elternhaus beschäftigt", sagt Professorin Christiane Kloppenburg vom Sonderforschungsbereich für historisch-psychologische Familienkonstellation der Universität Paderborn. Ende März 1956 liegt Theodor Erhard todkrank zu Hause in Wuppertal. Seine Söhne sind bei ihm, doch sie zanken sich. Ludwig will sich nicht um den alten Vater kümmern. Heinz ist ungehalten, weil er die Dreharbeiten zu seinem neuen Film unterbrechen muss. Ludwig raucht am Krankenbett, Heinz redet ohne Unterbrechung. "Eine typische Situation", sagt Kloppenburg. "Theodor war ein schwacher Vater, der seinen Kindern kein Vorbild geben konnte." Die Mutter hat die Familie längst verlassen - durchgebrannt mit einem Bauhaus-Architekten, der Gardinen hasst."Ludwig ist der große Bruder. Er widersetzt sich den Regeln des Vaters und raucht schon mit acht Jahren im Kohlenkeller", erzählt Christiane Kloppenburg. Ludwig herrscht als Kind wie ein kleiner Fürst. Seinen kleinen Bruder quält er mit Kopfnüssen. Er nimmt ihm regelmäßig alle sauren Drops ab und verlangt die Herausgabe sämtlicher Fix- und Foxi-Hefte. Heinz rächt sich kreativ. Er musiziert, spottet und steckt Ludwig Juckpulver ins Hemd. "Das Leben der beiden besteht aus Rache", erklärt Kloppenburg.Kanzlersturz und ruinierte FilmindustrieAls Erwachsener verdient Heinz gut im Spaßgeschäft. Seine Humor-Attacken werden nach dem Tod des Vaters am 1. April 1956 immer maßloser. In der Rolle des Finanzbuchhalters Willi Winzig macht Heinz seinen Bruder nieder, der mittlerweile für die CDU Bundeswirtschaftsminister geworden ist. Wie zufällig lässt Heinz im Film einen dicken Minister auftreten, der Zigarre raucht. Als Ludwig 1963 zum Bundeskanzler gewählt wird, schreibt Heinz seinen Schauspielern Anti-Ludwig-Szenen ins Drehbuch: "Erhard kommt." - "Wer kommt?" - "Der Kandesbunzler." - "Der Mann ist ja Klasse. Polsterklasse." 1966 wird Ludwig Erhard von Kurt Georg Kiesinger als Bundeskanzler abgelöst.

Um seinen Bruder zu übertrumpfen, startet nun auch Heinz eine Politikerkarriere und wird für die SPD Kultur-Staatsminister. Doch er versagt. Weil er für die Fortsetzung von "Raumschiff Orion" die Filmförderung streicht, geht der Regisseur nach Hollywood und dreht dort "Star Wars". Liebesfilme setzt Heinz auf den Index. Prompt machen die Franzosen aus der deutschen Vorlage "Helga" den Erotik-Knüller "Emanuelle". Ludwig höhnt aus dem Ruhestand: "Ich kann nur sagen: von Tuten und Blasen keine Ahnung." Am Ende sind beide Brüder ohne Macht und Posten. Endlich finden sie zueinander und begraben die alte Konkurrenz. Was von den Erhards bleibt, ist der Glanz des Wirtschaftswunders. Der Bruderstreit dagegen gerät in Vergessenheit.

Stand: 01.04.06