26. August 2005 - Vor 20 Jahren: Erste staatliche Merkblätter gegen Aids

Stichtag

26. August 2005 - Vor 20 Jahren: Erste staatliche Merkblätter gegen Aids

Angespannt steht Ingolf Lück in der Warteschlange an der Supermarktkasse. Routiniert zieht Hella von Sinnen die Waren über das Förderband, bis sie bei einem nicht ausgezeichneten Artikel ins Stocken gerät. Ihr Ausruf "Tiiii-na! Wat kosten die Kon-doooo-me?", den sie zum gespielten Schrecken Lücks einer unsichtbaren Kollegin hinten im Supermarkt entgegen ruft, ist inzwischen TV-Legende. Denn das Sprechen über Verhütungsmittel ist in den achtziger Jahren in Deutschland noch tabu. Dem entsprechend lässt das Drehbuch Lück erröten. Bis eine sympathische Blondine in der Kundenschlange die vermeintlich peinliche Situation entschärft, indem sie sich durch Nennung des korrekten Preises als Kondom-Käuferin outet."Kondome sind normal!" lautet die Botschaft, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) da zur besten Sendezeit abends um 20 Uhr in ARD und ZDF in deutsche Wohnzimmer transportiert. "Und sie können Leben retten." Es ist das populäre Highlight einer Kampagne gegen Aids, die am 26. August 1985 mit Faltblättern eher bescheiden beginnt. Die Kampagne indes tut bitter Not. Denn die Angst vor der Immunschwächekrankheit grassiert nicht nur unter Homosexuellen, Blutern oder Fixern und wird durch Schlagzeilen wie "Der schleichende Tod – Lustseuche AIDS" der Bild-Zeitung noch geschürt. Kann man sich durch Händeschütteln anstecken?, lautet eine der beantworteten Fragen. Oder sind selbst Zungenküsse ungefährlich?

Der Faltblattaktion vorangegangen ist ein heftiger Streit im deutschen Bundestag, in dem auch über die Ausgrenzung HIV-Infizierter debattiert wird. "Und da kam in mir auch die Demokratin hoch", erinnert sich die damalige Gesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU). "Es kann doch nicht sein, dass wir die Menschen bekämpfen und nicht die Krankheit." Der Staat entscheidet sich für eine Aufklärungskampagne zur Aidsprävention und verhindert so vermutlich Schlimmeres. Weniger Menschen als befürchtet infizieren sich in Deutschland mit dem Virus. Trotzdem sind es im Jahr 2004 immer noch rund 2000 Menschen. Die Tendenz ist wieder steigend: ein ebenso deutlicher wie trauriger Hinweis dafür, dass die Kampagne weitergehen muss.


Stand: 26.08.05