29. November 2005 - Vor 35 Jahren: Start der ARD-Fernsehserie "Tatort"

Stichtag

29. November 2005 - Vor 35 Jahren: Start der ARD-Fernsehserie "Tatort"

Sonntagabend, 20.15 Uhr, nach der der Tagesschau: Auf dem Bildschirm erscheint ein Augenpaar im Fadenkreuz - ein Mann, der abwehrend die Hände hebt - Beine, die in der Dunkelheit davon laufen. Der Vorspann der  ARD-Krimiserie "Tatort" ist seit der ersten Folge im Jahr 1970 unverändert geblieben. Augen und Beine gehören Horst Lettenmayer, die Musik ist von Klaus Doldinger. Die "Tatort"-Idee stammt von Gunther Witte, damals Dramaturg beim  WDR. Er soll im Herbst 1969 eine Krimiserie entwickeln, die dem  ZDF-Kommissar Keller Konkurrenz macht: "Wir haben damals gedacht, wenn wir zwei Jahre durchhalten, dann sind wir gut." Doch Wittes Konzept, alle  ARD-Sender zu beteiligen, erweist sich als Volltreffer. In bisher rund 600 Folgen haben sich über 70 verschiedene "Tatort"-Ermittler auf Täterjagd gemacht. Jede Anstalt steuert ihre regionalen Eigenheiten und einen eigenen Kommissar zu den Krimis in Spielfilmlänge bei.Der  NDR ist als erster Sender am Tatort: Am 29. November 1970 steigt Walter Richter als Hauptkommissar Paul Trimmel mit Schiebermütze und Zigarre in ein "Taxi nach Leipzig". In den 70er Jahren können Kommissare wie der scharfsinnige Haferkamp, der hartnäckige Finke oder der dackelnde Oberinspektor Veigl bis zu drei Viertel aller deutschen Fernsehzuschauer mobilisieren. 1981 wird Revierprolo Horst Schimanski saufend und fluchend auf die Menschheit losgelassen. Redakteurin Helga Poche beantwortet die Zuschauerpost und hat zu dieser Zeit viel zu tun: "Da musste der Redakteur auch zählen, wie häufig 'Scheiße' gesagt wurde."

Nach acht Jahren kriegt auch die erste Frau ihre Dienstmarke. Nicole Heesters macht sich ab 1978 als Kommissarin Buchmüller auf Verbrecherjagd. Inzwischen ermitteln zehn Frauen für den "Tatort". Die Dienstälteste ist Lena Odenthal, gespielt von Ulrike Folkerts. Etwas haben alle Ermittler gemeinsam: Keine Kommissarin und kein Kommissar hat eine wirklich stabile Beziehung. Gebhard Henke,  WDR-Fernsehfilmchef erklärt, warum das so ist: "Er muss unglücklich sein, sonst ist er kein attraktiver Kommissar." Damit die Beamten nicht völlig in Depressionen versinken, gibt es Freundschaften bei den Ermittler-Paaren. Da wird füreinander gekocht oder miteinander gesungen. Aktuell ermitteln 15 Teams, die von zehn  ARD-Anstalten und dem  ORF auf die Fährte gesetzt werden. Zwischen acht und zehn Millionen Zuschauer verfolgen am Sonntagabend, wer wen wann und warum abgemurkst hat. Aber wehe, wenn der Verbrecher aus der eigenen Berufsgruppe kommt. "Die Bäcker regen sich auf, wenn der Mörder ein Bäcker war, und die Krankenpfleger regen sich auf, wenn es ein Krankenpfleger war", erzählt Redakteurin Helga Poche. "Dann heißt es: Nehmt doch die Fleischer, die sind auch mal an der Reihe."


Stand: 29.11.05