02. Juli 2005 - Vor 500 Jahren: Martin Luther gelobt, ins Kloster zu gehen

Stichtag

02. Juli 2005 - Vor 500 Jahren: Martin Luther gelobt, ins Kloster zu gehen

Am 2. Juli 1505 ist ein 21-jähriger Student zu Fuß unterwegs von Mansfeld nach Erfurt. Er hat seine Eltern besucht, nachdem er die Magisterprüfung abgelegt hat und nun mit dem Jurastudium beginnen möchte. Auf dem Weg in die Universitätsstadt, nahe dem Dorf Stotternheim, überrascht ihn ein heftiges Sommergewitter. Ein Blitz schlägt nahe neben ihm ein. Der Mann wirft sich zu Boden und ruft in Todesangst: "Hilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden."Die Geschichte hat er als alter Mann selbst erzählt. Da ist Martin Luther schon kein Mönch mehr, sondern der Reformator von Wittenberg, der Gründer einer neuen, vom Papst unabhängigen Kirche. Er sei nicht gerne Mönch geworden, sagt Luther im Rückblick. Und sein Vater Hans, ein bodenständiger Bergmann, der die "Pfaffen" hasste und die Mönche verachtete, habe sehr zornig reagiert. "Mich reute das Gelübde", sagt der alte Luther, "aber ich beharrte auf dem Beschluss." Tatsächlich tritt er schon zwei Wochen nach dem Gewitter in das strenge Augustiner-Kloster in Erfurt ein.

Trotz dieser Geschichte entspringt Luthers Gang ins Kloster nicht einfach einer unüberlegten Augenblicksentscheidung. Das Unwetter von Stotternheim gibt den letzten Anstoß für einen Schritt, der in ihm gärt. Zwei Jahre zuvor hat sich der Student am eigenen Degen so schlimm verletzt, dass er fast verblutet wäre. Im Frühjahr 1505 sterben zwei Mitstudenten, kurz vor seinem Besuch zu Hause zwei Professoren, wahrscheinlich alle an der Pest. Luther sucht angesichts des Todes nach einem neuen Weg. Monatelang studiert er intensiv die Bibel – als junger Magister darf er in der Bibliothek erstmals ein ungekürztes Exemplar lesen. "Luther tat diesen Schritt, weil er in den Himmel und nicht in die Hölle kommen wollte", sagt der Luther-Experte Otto Hermann Pesch. Zwölf Jahre später wird Martin Luther in seinen 95 Thesen genau das Gegenteil begründen: Kein Gelübde, kein Ablass, keine guten Werke können vor der Hölle retten, sondern nur der Glaube an die Gnade Gottes. Diese Thesen bringen die Reformation in Gang.
Es hing also nicht alles am Gewitter. Trotzdem ist der Gedanke reizvoll, ob die Weltgeschichte wohl anders verlaufen wäre, hätte am 2. Juli 1505 nur die Sonne geschienen.


Stand: 02.07.05