19. September 1970 - Vor 35 Jahren: Erste Hausbesetzung in Deutschland

Stichtag

19. September 1970 - Vor 35 Jahren: Erste Hausbesetzung in Deutschland

19. September 1970: Es ist Abend im Frankfurter Westend. 25 Frauen und Männer schleichen im Schutz der Dämmerung durch die Eppsteiner Straße. Ihr Ziel: das große Jugendstilhaus mit der Nummer 47. Sie sind mit Putzeimern, Wischlappen, Farbe, Pinsel und Handwerkszeug ausgerüstet. Noch in der Nacht beseitigen sie den gröbsten Dreck und beginnen mit der Renovierung. Als am nächsten Morgen die Nachbarn aus dem Fenster schauen, verkünden Transparente in mehreren Sprachen, dass das leere Haus besetzt worden ist. Es ist die erste Hausbesetzung in Deutschland. Viele weitere folgen - in Berlin Kreuzberg, in der Hamburger Hafenstraße oder in der Kölner Südstadt.
"Wir haben dieses Haus besetzt, weil die Wohnungen seit langem leerstehen und systematisch zerstört wurden. Für den Eigentümer ist das Haus ein Spekulationsobjekt, für uns ist es dringend benötigter Wohnraum", steht auf einem Spruchband in der Eppsteiner Straße. Die Hausbesetzer machen die Hausnummer 47 wieder wohnlich, setzen Fenster ein, reparieren Toiletten. Sie nennen das "instandbesetzen" - und handeln widerrechtlich: Eine Hausbesetzung ist Hausfriedensbruch und verstößt gegen das Strafrecht. Wenn Spekulanten hingegen Häuser "entmieten", das heißt bewusst verkommen oder sogar demontieren lassen, ist das legal.
In der Bundesrepublik kommt es zu Demonstrationen und politischen Auseinandersetzungen. In Berlin muss der damals regierende Bürgermeister aufgrund seiner Wohnungspolitik den Hut nehmen. In der Kölner Südstadt dauert die Besetzung der ehemaligen Schokoladen-Fabrik Stollwerck 47 Tage, dann wird der größte Teil der Gebäude abgerissen. In der Hamburger Hafenstraße endet die Besetzung erst nach zwölf Jahren: Die Stadt verkauft die zwölf Häuser 1996 an die Genossenschaft "Alternativen am Elbufer".

Die Besetzer werden bei ihren Aktionen teilweise von der Bevölkerung unterstützt. Viele Frankfurter Bürger spenden zum Beispiel nicht nur Suppe, sondern haben auch Verständnis und zeigen Sympathie. Der Kampf in Frankfurt lohnt sich: Das Westend bleibt ein Wohngebiet. Der Traum der Stadtplaner von noch mehr Bürotürmen geht in diesem Viertel nicht in Erfüllung.
Stand: 19.09.05