8. April 1874 - Das Reichsimpfgesetz wird erlassen

Die Pockenimpfung, Pastell von Demetrio Cosola (1894)

8. April 1874 - Das Reichsimpfgesetz wird erlassen

Die Masern brechen in Deutschland inzwischen wieder regelmäßig aus. Sie können zu Gehirnhautentzündungen oder Taubheit führen und auch tödlich enden. Politiker wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wollen deshalb, dass über eine Impfpflicht nachgedacht wird. So eine Pflicht gab es bereits: 1874 wurde sie mit dem Reichsimpfgesetz verabschiedet und zwar im Fall der Pocken.

Reichsimpfgesetz erlassen (am 08.04.1874)

WDR 2 Stichtag 08.04.2019 04:05 Min. Verfügbar bis 05.04.2029 WDR 2

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Drei Tage Gefängnis oder 50 Mark Geldstrafe

Auch damals im Reichstag in Berlin sind die Debatten laut und heftig. "Meine Herren, es werden Gefängnisstrafen angedroht. Ich meine, wir hätten im Deutschen Reiche schon mehr als hinreichende Gelegenheit, eingesperrt zu werden", sagt ein Sprecher sarkastisch. Mit drei Tagen Gefängnis oder bis zu 50 Mark Geldstrafe müssen Impfgegner rechnen. So soll es im Gesetz, in Paragraph 14, verankert werden. Denn der Staat habe die Pflicht, die Freiheit des Einzelnen soweit einzuschränken, als es das wohlerkannte Interesse der Gesamtheit verlangt, so die Befürworter.

"In den 1870er-Jahren sind sogenannte Volksseuchen omnipräsent, und gerade die Pocken spielen eine ganz entscheidende Rolle", sagt der Historiker Professor Malte Thießen aus Münster, der das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte leitet. Wer die Pocken überlebt, den zeichnen Narben für ein Leben lang: Bei der Erkrankung bedecken schwarze Blattern und blutgefüllte, eiternde, stinkende Pusteln den Körper. Viele Erkrankte erblinden oder werden taub, behalten Hirnschäden zurück oder eine Lähmung. Rund 30 Prozent der Infizierten sterben. In den 1870er-Jahren eskaliert die Lage schließlich.

"Der deutsch-französische Krieg bringt eine Menge an französischen Kriegsgefangenen in das Deutsche Reich und die schleppen die Pocken ein", erklärt Malte Thießen. 150.000 Tote gibt es in der Zivilbevölkerung. Aber nur wenige Tote bei den Kriegsgefangenen – denn die sind größtenteils geimpft.

Kinder werden von der Polizei zum Arzt geschleppt

Am 8. April 1874 wird zum ersten Mal eine Impfpflicht eingeführt. Um sie durchzusetzen, setzt das Kaiserreich auch auf die Polizei. "Im Kaiserreich und auch noch in der Weimarer Republik wurden Kinder mit Polizeigewalt zum Arzt geschleppt, um die Impfung durchzuführen", sagt Malte Thießen. Die Pocken werden schließlich ausgerottet. 1972 wird der letzte Fall in Deutschland gemeldet; 1976 hebt der Bundestag die Pockenimpfpflicht auf.

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Stand: 08.04.2019, 00:00