1. Juli 2015 - Sir Nicholas Winton stirbt in Slough

Sir Nicholas Winton, britischer Banker

1. Juli 2015 - Sir Nicholas Winton stirbt in Slough

Eigentlich will Nicholas Winton im Dezember 1938 zum Skiurlaub in die Schweiz. Doch ein Freund lotst den Londoner Börsenmakler nach Prag. Dort kommen nach dem Münchner Abkommen immer mehr jüdische Flüchtlinge aus dem deutsch besetzten Sudetenland an.

Der 29-jährige Banker bleibt über den Jahreswechsel 1938/39 in der tschechoslowakischen Hauptstadt. Er wird Sekretär einer Hilfsorganisation, für die er auch im Englischen das deutsche Wort "Kinderkomitee" benutzt. Wintons jüdische Vorfahren stammen aus Bayern, darum spricht er Deutsch.

Nicholas Winton, rettete 669 jüd. Kinder (Todestag 01.07.2015)

WDR 2 Stichtag 01.07.2020 04:16 Min. Verfügbar bis 29.06.2030 WDR 2

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Pflegefamilien gesucht

Das Ziel des Komitees: Die Kinder der jüdischen Familien sollen nach Großbritannien in Sicherheit gebracht werden. Zurück in England, arbeitet Winton tagsüber an der Börse, abends sucht er Pflegefamilien.

Der erste Zug mit Flüchtlingskindern verlässt Prag am 14. März 1939. Zu diesem Zeitpunkt sind auf den britischen Inseln bereits andere Kindertransporte aus dem Deutschen Reich angekommen. Nach den Novemberpogromen von 1938 haben einige Länder wie Großbritannien ihre Einreisebestimmungen gelockert. Juden unter 18 Jahren werden nun aufgenommen.

Neunter Transport fällt aus

Ein halbes Jahr lang kommen immer wieder Züge aus Prag in London an. Der neunte und größte Transport mit 250 Kindern ist für den 1. September 1939 geplant. Doch daraus wird nichts: Deutschland überfällt an diesem Tag Polen, der Zweite Weltkrieg beginnt.

Insgesamt kann Winton 669 jüdische Kinder retten. Ihre leiblichen Eltern sehen die meisten von ihnen allerdings nie wieder.

Gast in einer BBC-Show

Nach dem Krieg ist Wintons einziges Zeugnis der Rettungsaktion ein Sammelalbum. Es enthält Briefe, Zeitungsartikel, Broschüren, Visitenkarten, wie Wintons Tochter Barbara sagt. "Und hinten gab es eine Liste aller Kinder, die er hergebracht hatte, einschließlich der Geburtsdaten und Pflegefamilien."

Das Album bleibt fast 50 Jahre unbeachtet, bis es über eine Holocaust-Forscherin auf Umwegen an die Medien gelangt. 1988 wird Winton in die BBC-Sendung "That's Life" eingeladen und im Publikum zwischen zwei Frauen platziert - die er gerettet hat.

Schlagartig berühmt

Mit einem Schlag wird Winton berühmt. Immer mehr gerettete Menschen melden sich. Er wird von der Queen zum Ritter geschlagen, schüttelt Bill Clinton und Václav Havel die Hand.

"Es gibt 7.000 Menschen, die heute auf der Welt sind aufgrund dessen, was er und seiner Helfer getan haben", sagt Barbara Winton über ihren am 1. Juli 2015 in Slough bei London verstorbenen Vater. "All diese Nachkommen stehen dafür, was man erreichen kann."

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"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 1. Juli 2020 ebenfalls an Nicholas Winton. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

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Stand: 01.07.2020, 00:00