13. November 1970 - Karl Gelder (FDP) deckt CSU-Abwerbungsversuch auf

Franz Josef Strauß (links) und Willy Brandt (rechts)

13. November 1970 - Karl Gelder (FDP) deckt CSU-Abwerbungsversuch auf

"Wir haben den Mut, ein neues Blatt in der Geschichte aufzuschlagen." Das sagt Willy Brandt - seit 1969 ist der SPD-Politiker Bundeskanzler. Und er sucht den Wandel durch eine Annäherung an den Osten. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt unterzeichnet er den deutsch-sowjetischen Vertrag und fällt bei seinem Besuch in Warschau am Ehrenmal für die Toten des dortigen Ghettos symbolträchtig auf die Knie.

Nicht nur bei den Vertriebenenverbänden und der ihnen nahestehenden CDU/CSU-Fraktion ist man empört über Brandts neue Ostpolitik: Auch am rechten Rand laufen dem Koalitionspartner FDP die Leute weg. Sogar der ehemalige FDP-Vorsitzende Erich Mende geht im Oktober 1970 zur CDU. Viele Unzufriedene sammeln sich zudem in der nationalliberalen Splitterpartei NLA. Die hauchdünne Mehrheit von SPD und FDP droht zu platzen.

FDP-MdB Geldner täuscht Wechsel zur CSU vor (am 13.11.1970)

WDR 2 Stichtag 13.11.2020 04:16 Min. Verfügbar bis 11.11.2030 WDR 2


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Der 400.000-D-Mark-Köder

Die konservativen Rebellen wittern ihre Chance. Anfang November 1970 treten die CSU-Politiker Franz Josef Strauß, Richard Stücklen und Hermann Höcherl an den FDP-Politiker und Bäckermeister Karl Geldner aus dem mittelfränkischen Schillingsfürst heran, um ihn abzuwerben. Im Angebot haben sie die Zusage eines sicheren Bundestagsmandats für die CSU sowie zwei 400.000 DM schwere "Beratungsverträge" mit dem Papierfabrikanten und NLA-Funktionär Anton Beyer, der als ehemaliger FDP-Kreisvorsitzender in Soest bereits über 50 Parteigenossen – vorwiegend Angestellte und Geschäftspartner – zum Austritt bewogen hat.

Geldner geht zum Schein auf das Angebot ein, das ihm schließlich schriftlich vorliegt – und lässt am 13. November 1970 die Bombe platzen. Im Vorfeld der Landtagswahl in Bayern schlägt der Skandal um den versuchten Mandatsverkauf hohe Wellen. Franz Josef Strauß geht in die Offensive: "Niemand von uns, weder ich noch Herr Stücklen, noch ein anderer, noch jemand im Auftrag von uns, hat sich jemals an einen FDP-Abgeordneten gewandt", behauptet er. Seine These: Geldner wollte tatsächlich überwechseln und wurde von SPD und FDP "zurückgekauft".

Die CSU nimmt keinen Schaden

So oder so ist das Ansehen des Bundestags stark beschädigt. Aber erst 1972 beschließt eine Mehrheit, dass Abgeordnete Nebeneinkünfte wie Spenden offenlegen müssen.

Geldners Coup schadet der CSU aber nicht. Bei der Landtagswahl in Bayern kommt die Partei wie gewohnt auf die absolute Mehrheit. Geldner selbst muss später wegen einer Falschaussage zu den ihm angebotenen Beraterverträgen eine Geldstrafe zahlen. Dem Bundestag gehört er bis 1976 an – als Mitglied der FDP.

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