10. Januar 1919 - Freistaat Flaschenhals entsteht

"Reisepass" des Freistaates Flaschenhals und ein Weinetikett

10. Januar 1919 - Freistaat Flaschenhals entsteht

Nach Ende des Ersten Weltkriegs verkünden die Alliierten der deutschen Delegation in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne die Bedingungen für einen Waffenstillstand. Hierzu gehören auch halbkreisförmige Brückenköpfe am rechten Rheinufer. Der französische Marschall Ferdinand Foch bestimmt einen Radius von jeweils 30 Kilometern. Mit dem Zirkel schlägt er die Halbkreise um Mainz und Koblenz.

Die alliierten Strategen übersehen allerdings, dass sich diese Halbkreise nur zum Teil überlappen. So bleibt ein kleines unbesetztes Gebiet zwischen Kaub und Lorch übrig, dessen Form an den Hals einer Weinflasche erinnert. "Wir wünschen, dass zwischen Bonn und Mainz wenigstens noch ein Streifen wirklichen deutschen Rheines verbleiben soll, frei von jedem welschen Einfluss", telegrafiert der patriotische Lorcher Bürgermeister Edmund Pnischeck daraufhin an die deutsche Waffenstillstandskommission. Sein Wunsch findet Gehör.

Entstehung des Freistaats Flaschenhals (am 10.1.1919)

WDR 2 Stichtag 10.01.2019 04:15 Min. WDR 2

Download

Nahrungsmittel gegen Wein

Anschließend marschieren die Alliierten ins Rheinland ein. Unter Führung Pnischecks rufen die Bewohner des unbesetzten Gebiets am 10. Januar 1919 den "Freistaat Flaschenhals" aus. Pnischeck entwickelt eine Verwaltungsstruktur und lässt sogar Pässe und Geldscheine mit anti-französischen Sprüchen drucken. Die "Franzmänner" revanchieren sich schon bald mit Isolation. Kein Zug darf im Freistaat halten, der Warenverkehr wird verboten.

Zum Glück für die knapp 18.000 Freistaatler besitzt fast jeder Bürger einen eigenen Weinberg und eine Brennerei; zudem sind die auf dem Rhein fahrenden Frachtkähne auf die Dienste der in Lorch ansässigen Lotsen angewiesen. So kann die Bevölkerung überleben. Nachts treiben Bauern aus den besetzten Gebieten ihr Vieh in den Freistaat. Von den Frachtkähnen verschwinden zentnerweise Mehl, Getreide oder Salz. Als Entlohnung gibt es Wein und Schnaps.

Nackte Hintern im Suchscheinwerfer

Um die Freistaatler zu schikanieren, stellen die Franzosen auf ihrer Rheinseite Suchscheinwerfer auf und leuchten in der Nacht das Flussufer ab. Statt Schmugglern entdecken sie immer wieder Lorcher Jugendliche, die ihnen mit heruntergelassenen Hosen das Hinterteil entgegenstrecken.

Nach der Besetzung des Ruhrgebietes Anfang 1923 marschieren französische Truppen gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages auch in den Freistaat Flaschenhals ein. Als sie Ende 1924 wieder abziehen, wird das Gebiet zwischen Kaub und Lorch Teil der Weimarer Republik: zum allergrößten Bedauern seiner Bewohner.

Programmtipps:

Auf WDR 2 können Sie den Stichtag immer gegen 9.40 Uhr hören. Wiederholung: von Montag bis Samstag um 18.40 Uhr. Der Stichtag ist nach der Ausstrahlung als Podcast abrufbar.

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 10. Januar 2019 ebenfalls an den Freistaat Flaschenhals. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

Stichtag am 11. Januar 2019: Vor 70 Jahren: Deutsche Premiere von Bertolt Brechts "Mutter Courage" in Berlin

Stand: 10.01.2019, 00:00