15. Januar 1920 - Erste Jazz-Schallplatte kommt in Deutschland auf den Markt

Erste dt. Jazzplatte Tiger Rag aufgenommen im Dezember

15. Januar 1920 - Erste Jazz-Schallplatte kommt in Deutschland auf den Markt

"Die Aufnahme der Original Excentric Band klingt grauenhaft. Aber: Es ist die erste Aufnahme des Tiger Rag auf deutschem Boden", sagt Rainer Lotz, Diskograf und Jazz-Historiker. Am 15. Januar 1920 kommt die erste Jazz-Schallplatte in Deutschland auf den Markt.

Der Tiger Rag, das ist die Hymne des Jazz, aufgenommen 1917 von der Original Dixieland Jazz Band in New York. In Deutschland ist die erste Jazzplatte der Welt nicht zu hören und zu kaufen.

Erste Jazzplatte erscheint in Deutschland (am 15.01.1920)

WDR 2 Stichtag 15.01.2020 04:14 Min. Verfügbar bis 12.01.2030 WDR 2


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"Die Salonorchester in Deutschland sind in der Zeit des Ersten Weltkriegs von den musikalischen Entwicklungen in der Welt abgeschnitten", erklärt Rainer Lotz. "Wortwörtlich hatten sie von Tuten und Blasen keine Ahnung: Von denen war nie jemand in Chicago oder New Orleans gewesen. Sie kannten die Musik eigentlich nur von Musiknoten."

Deutsche Jazz-Bands machen Musik, die wenig mit Jazz zu tun hat

Die Menschen in Europa wollen aber Jazz hören, also müssen die deutschen Salonorchester umdenken. Und so greift der Geiger zum Saxofon, der Cellospieler zum Banjo und ein weiterer setzt sich ans Schlagzeug.

"Jazzmusiker können aus ihren Instrumenten Töne herausholen, die es in anderen Musikbereichen so nicht gibt", erklärt Rainer Lotz die Faszination des Jazz. "Die Musik hat Rhythmus, sie hat Swing. Jazz ist ein Lebensgefühl."

Auch in Deutschland treten schlagartig eine Menge Original American Jazz Bands auf. "Sie fabrizierten allerdings eine Musik, die nichts mit dem zu tun hat, was wir heute unter Jazz verstehen", sagt Rainer Lotz.

Und das hört man der ersten deutschen Jazzaufnahme an, dem Tiger Rag der Original Excentric Band. Das Stück klingt eher nach Radetzky-Marsch als nach neuer wilder Musik.

Müssen Jazz-Musiker US-Amerikaner sein?

Zudem vermarktet sich der Bandleader Frank Groundzell als Amerikaner, der er nicht ist. Er ist Engländer, geboren in Southampton. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, befindet er sich gerade in Berlin – und geht zur US-Botschaft mit der Behauptung, er komme aus Chicago und brauche einen Pass.

"Und was heute unvorstellbar wäre: Die haben ihm tatsächlich einen Pass gegeben!", sagt Lotz. Seitdem gilt Groundzell als US-amerikanischer Bandleader.

Ein paar Monate nach Unterzeichnung des Versailler Vertrags nimmt Frank Groundzell den Tiger Rag mit seiner Original Excentric Band auf. Musikalisch macht er dort weiter, wo er 1914 aufgehört hat, nämlich mit Ragtime. "Deswegen klingt die Aufnahme so grauenhaft", sagt Rainer Lotz. "Man muss Verständnis haben: Die Musiker wussten einfach nicht, wie Jazz geht."

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Stand: 15.01.2020, 00:00