15. September 1952 - Eritrea wird föderativer Teilstaat Äthiopiens

Die Nationalflagge von Eritrea

15. September 1952 - Eritrea wird föderativer Teilstaat Äthiopiens

Eritrea, das kleine Land am Horn von Afrika, ist immer wieder Spielball der Großmächte. 1882 übernehmen weiße Herren die Macht. "In den Verfahren, das man heute 'Scramble for Africa' nennt, also der Kampf der europäischen Mächte um die Aufteilung Afrikas, ist das vergleichsweise kleine und unbedeutende Eritrea Italien zugefallen", erklärt Historiker Andreas Eckert von der Berliner Humboldt-Universität.

Eritrea wird autonomer Teil von Äthiopien (am 15.09.1952)

WDR 2 Stichtag 15.09.2017 04:16 Min. Verfügbar bis 13.09.2027 WDR 2


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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellt sich für die Siegermächte die Frage: Was passiert mit den ehemaligen drei Kolonien Italiens. Somalia und Libyen werden nach einer zehnjährigen Treuhandschaft in die Unabhängigkeit entlassen. Bei Eritrea hingegen wird es schwierig: Äthiopiens Kaiser Haile Selassie meldet Ansprüche an. Er will für sein Binnenland den Zugang zum Meer.

Eritreas Willen zählt nicht

"Die Briten wollten Eritrea am liebsten aufteilen", sagt der in Eritrea geborene und seit 1986 in Deutschland lebende Politikwissenschaftler Mussie Habte. Das muslimisch geprägte Tiefland sollte an die ehemalige britische Kolonie Sudan gehen. Das christliche geprägte Hochland sollte demnach Äthiopien bekommen. Eine derartige Spaltung des Landes lehnt die eritreische Bevölkerung aber ab.

Am 15. September 1952 wird Eritrea durch eine UN-Entscheidung gegen seinen Willen föderativer Teilstaat Äthiopiens. "Vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus hätte man die Meinung der Eritreer in Betracht ziehen müssen", sagt John Foster Dulles, US-Senator und späterer Außenminister der USA, 1952 vor der UN-Versammlung in New York. "Doch die Interessen der Vereinigten Staaten im Roten Meer und Erwägungen bezüglich der Sicherheit und des Weltfriedens machen es nötig, dass das Land Äthiopien eingegliedert wird."

Autonomie wird untergraben

Zunächst verfügt Eritrea über Autonomierechte, die aber von Äthiopien mehr und mehr ausgehöhlt werden. 1961 wird Eritrea endgültig annektiert, völkerrechtswidrig. Ein 30 Jahre langer Befreiungskrieg beginnt. Der Kampf endet auch nicht, als Kaiser Haile Selassie 1974 abgesetzt wird, und die Volksbefreiungsfront Eritreas sich verbündet mit äthiopischen Rebellen - gegen den neuen Machthaber in Addis Abeba, Diktator Mengistu Haile Mariam.

1991 bricht das kommunistische Mengistu-Regime zusammen, auch weil aus der zerfallenden Sowjetunion keine Unterstützung mehr kommt. Die äthiopischen Truppen ziehen aus Eritrea ab. Ende April 1993 votierten 99,8 Prozent der Stimmberechtigten für die Abtrennung von Äthiopien. Einen Monat später wird Eritrea offiziell selbstständig.

EIn zweites Mal im Stich gelassen

Im völlig zerstörten Land fehlt das Elementarste: Wohnraum, Nahrung, Wasser. Rund 70.000 ehemalige Freiheitskämpfer reparieren Straßen, errichten Schulen und Krankenhäuser. Erste Fabriken entstehen, der zerbombte Hafen von Massawa am Roten Meer wird wieder aufgebaut, das nahezu entwaldete Land wieder aufgeforstet.

Doch Eritreas goldene Jahre, wie Historiker sie heute nennen, enden abrupt. Im Mai 1998 brechen nach Grenzstreitigkeiten mit Äthiopien erneut schwere Kämpfe aus. In Jahr 2000 wird in Algier zwar ein Friedensabkommen vereinbart. Aber schon bald stellt Äthiopien den Beschluss wieder infrage - ohne das die Garantiemächte des Abkommens - die USA, die EU und die Afrikanische Union - neuerliche Grenzverletzungen durch die Äthiopier ahnden.

Bedrohung als Rechtfertigung für Unterdrückung

Bis heute ist die Lage an der 1.000 Kilometer langen eritreisch-äthiopischen Grenze gespannt. Immer wieder kommt es zu Scharmützeln. Das Fatale: Das eritreische Regime rechtfertigt mit der Dauerbedrohung durch Äthiopien seine Isolationspolitik und die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung. Das Land wird von einstigen Kämpfern der Befreiungsfront geführt.

"Sie sagen: 'Solange müssen die jungen Leute zum Militärdienst herangezogen werden und solange können keine Reformen durchgeführt werden, solange können wir auch keinen demokratischen Prozess eröffnen.'", erläutert Politikwissenschaftler Mussie Habte. Viele Eritreer sehen keinen anderen Ausweg, als zu fliehen.

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"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 15. September 2017 ebenfalls daran, dass Eritreas als autonomes Gebiet Teil Äthiopiens wird. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

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Stand: 15.09.2017, 00:00