17. Juni 1995 - Christo und Jeanne-Claude verhüllen den Berliner Reichstag

Das Ehepaar Christo steht hinter einem Modell des verhüllten Reichstages.

17. Juni 1995 - Christo und Jeanne-Claude verhüllen den Berliner Reichstag

Zuerst verschwinden die Ecktürme des dunklen Baus unter silbrig glänzenden Stoffbahnen. Dutzende Profikletterer hangeln an der Reichstagsfassade entlang und zurren den Stoff mit blauen Seilen fest. In drei Tagen könnten sie ihr Baby sehen, schwärmt Christos Frau Jeanne Claude: "Es ist wie eine Geburt, mit der wir 24 Jahre schwanger gegangen sind."

Verhüllung des Reichstages beginnt (am 17.06.1995)

WDR 2 Stichtag 17.06.2020 04:14 Min. Verfügbar bis 30.06.2030 WDR 2

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Durch Verhüllen Verborgenes sichtbar machen, das ist die Idee hinter allen Kunstprojekten, die Christo und Jeanne Claude seit 1961 symbiotisch planen und ausführen. Er, der aus seiner Heimat Bulgarien geflohene Konzeptkünstler; sie, die energische rothaarige Französin mit den klaren blauen Augen.

Komplexe Planungsphase

1971 spannt das Paar gerade einen leuchtend roten Vorhang durch ein Tal der Rocky Mountains, als es aus Berlin eine Ansichtskarte mit dem Reichstag erhält. "Wäre das nicht etwas für euch?", fragt der Absender, ein befreundeter US-Historiker.

So entsteht die Idee zum "Wrapped Reichstag", der Verhüllung eines der symbolträchtigsten Gebäude der jüngeren deutschen Geschichte. Zunächst muss das Künstlerpaar die von ihm so genannte "Software-Phase" bewältigen, die der konkreten Umsetzung vorausgeht - "eine sehr lange komplexe Reise", sagt Christo. "Da erst entwickelt jedes Projekt seine wahre Kraft und Energie."

Bundestag genehmigt Verhüllung

Im Fall des ab 1884 erbauten und 1933 ausgebrannten Reichstags wird es ein Hindernislauf durch die deutsche Politik. Dreimal, 1977, 1981 und 1987, werden ihre Anfragen abgewiesen. Erst der Fall der Berliner Mauer eröffnet dem Paar eine historisch einmalige Chance.

Nach Einzelgesprächen mit 350 Abgeordneten und unterstützt von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth sind Christo und Jeanne Claude am Ziel: Erstmals in seiner Geschichte entscheidet der Bundestag im Februar 1994 über die Existenz eines Kunstwerks. Mit klarer Mehrheit, gegen den Willen von Bundeskanzler Helmut Kohl, stimmen die Abgeordneten für die Verhüllung.

Kunst, die niemand kaufen kann

Der Reichstag in Berlin ist weiß verhüllt

Fünf Millionen Besucher kommen zum "Wrapped Reichstag"

Vor dem Reichstagsumbau zum neuen Parlamentssitz bleibt wenig Zeit für die präzise Planung und Herstellung des Verpackungsmaterials. Am 17. Juni 1995 beginnen 200 Helfer, den trutzburgartigen Bau in 100.000 Quadratmeter Polypropylen-Gewebe einzuhüllen.

Der "Wrapped Reichstag" lockt vom 24. Juni bis zum 5. Juli 1995 rund fünf Millionen meist begeisterte Besucher an. Danach zeigt der Reichstag wieder seine nackte, geschichtsbeladene Fassade. "Das Fragile, das Temporäre", sagt der im Mai 2020 verstorbene Christo, "ist Teil der Ästhetik. Niemand kann es kaufen oder besitzen. Und wer es verpasst, kann es nie wieder erleben."

Programmtipps:

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"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 17. Juni 2020 ebenfalls an die Verhüllung des Reichstags. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

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