Sabine Tschäge war U19-Bundestrainerin und gehört mittlerweile zum Trainerstab des Deutschland-Achters.

Trainerin des Jahres sieht strukturelle Probleme im Rudersport

Stand: 27.09.2022, 16:49 Uhr

Sabine Tschäge ist 2021 zur DOSB-Trainerin des Jahres gekürt worden. Sie war U19-Bundestrainerin, trainiert jetzt den Deutschland-Achter und kennt die strukturellen Probleme im Rudersport.

Von Christian Zelle

Deutschland gehörte mit Blick auf olympische Ruderregatten in der Vergangenheit nicht nur zu den heißen Titelkandidaten, sondern ist die "mit Abstand erfolgreichste Nation". Das hat der Deutsche Ruderverband im Internet entsprechend dokumentiert und vermutlich einen entsprechenden Anspruch an sich selbst.

Tschäge weist "Pauschalkritik" zurück

Diesem Anspruch werden die deutschen Ruderer zuletzt jedoch immer seltener gerecht, was zu Kritik aus den Reihen der Athleten geführt hat. Bei den European Championships in München sprangen in diesem Jahr genau wie jüngst bei der WM in Tschechien gerade mal drei Medaillen heraus, wobei jeweils zwei im Para-Rudern geholt wurden.

Den Glanzpunkt bei der WM setzte ausgerechnet Einer-Ruderer Oliver Zeidler mit dem Gewinn der Goldmedaille. Er hatte bereits während der EM und jetzt erneut massive Kritik am DRV geübt. Eine Kritik, die Sabine Tschäge aus dem Trainerstab des Deutschland-Achters so nicht nachvollziehen kann: "Die Tatsache, dass wir gerade wenig gewinnen, lässt sich nicht wegdeuteln. Da sehen wir nicht gut aus. Auch bei den Platzierungen", so Tschäge.

Man muss sich jeden Bereich, jede Disziplin genau angucken. Achter-Trainerin Sabine Tschäge

Doch Zeidler greift ihrer Ansicht nach mit seiner "Pauschalkritik" an der Führungsschwäche der Verbandsoberen zu kurz. "Man muss sich jeden Bereich, jede Disziplin genau angucken", so Tschäge. Sie verweist etwa darauf, dass er als "Einerfahrer" sehr viel flexibler sei und sein Training einfacher organisieren könne, weil er sich nicht wie der Achter im Team organisieren müsse. Dass sich der Verband "kritisch hinterfragen" müsse, sei nach den jüngsten Ergebnissen jedoch völlig richtig.

Andere Nationen bei Sportförderung im Vorteil

Als ehemalige U19-Bundestrainerin kennt sich die gebürtige Duisburgerin Tschäge im Rudern aus. Mit der Ausbildung von Silbermedaillen-Gewinner Laurits Follert (Achter) und der Ersatzfrau Michaela Staelberg (Doppelvierer) beim Crefelder Ruder-Club sowie der Silbermedaillen-Gewinner Jonathan Rommelmann und Jason Osborne (Leichtgewichts-Doppelzweier) hat sie bei den Spielen in Tokio 2021 zudem bewiesen, dass sie Talente zum Erfolg führen kann. Nicht zuletzt deshalb wurde sie 2021 zur DOSB-Trainerin des Jahres gekürt.

Die sportliche Talfahrt hat ihrer Ansicht nach viele Gründe und lasse sich nicht allein an Verantwortlichen im Verband oder Athleten festmachen. Corona sei in der jüngeren Vergangenheit einer davon, doch das Problem sitze tiefer. Was beispielsweise die Sportförderung betrifft, sieht Tschäge andere Nationen deutlich im Vorteil.

Übergang in den Erwachsenenbereich schwierig

Bei den Briten sei die Sportförderung über die Hochschulen vorbildlich und hätte nach den Corona-Zeiten geholfen, fehlende Wettkampfpraxis zu kompensieren: "Da haben Ruderer sofort ein Anlaufbecken", so Tschäge. Auch in Ländern wie den Niederlanden, USA, Kanada und Australien ließe sich über die Hochschulen Wettkampfpraxis sammeln, die deutschen Ruderern in der Corona-Zeit nach Olympia 2021 gefehlt habe. "Da hatten wir einen Neustart mit vielen Jüngeren, die nur wenig Rennerfahrung hatten."

Strukturelle Probleme gibt es, und da ringen wir nach Lösungen. Sabine Tschäge

Generell sei der Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenbereich ein Problem: "Wir können nicht das aufeinander abgestimmte Gesamtpaket aus Universität und Sport anbieten." Tschäge sei froh über Förderwege bei Bundeswehr, Bundes- und Landespolizei, weist aber darauf hin, dass der Preis für soziale Absicherung hoch ist: "Duale Karriere klingt immer sehr gut, verlangt dem Sportler aber auch viel ab." Und neben einem Studium weiter auf Weltniveau zu rudern, sei ebenfalls eine organisatorische Herausforderung. Zudem sei die Sportförderung von Kaderplätzen reduziert worden, was die Arbeit zusätzlich erschwere.

Trotzdem sei klar: "Strukturelle Probleme gibt es, und da ringen wir nach Lösungen", sagt Tschäge. Man müsse sich unter "Sachzwängen" wie einer nicht so üppigen finanziellen Ausstattung der Sportart in Zusammenarbeit in den Landesverbänden und Vereinen bestmöglich organisieren. Auch sei viel Eigenverantwortung der Athleten gefragt.

Management für Spitzensport muss optimiert werden

Dass ohne große Leidenschaft für den Sport und das passende soziale Umfeld kaum ein Weg in die Weltspitze führt, weiß Tschäge aus eigener Trainererfahrung. Die 52-Jährige hat sich mit Anfang 30 für den Beruf als Rudertrainerin und gegen den als Lehrerin entschieden. Finanziell sei dieser Weg nicht einfach, aber der Job gleiche vieles aus: "Die Arbeit mit den Athleten ist unbezahlbar. Es macht Spaß, ein Boot zusammenzubringen, das auch nach vorne fahren kann."

Derzeit mangelt es dem deutschen Ruderverband an Booten, die nach vorne fahren können. Dies zu ändern, sei keine einfache Aufgabe: "Es gibt nicht den einen Punkt, den wir abstellen können. Wir müssen schauen wie wir das Management für den Spitzensport optimieren können. Wie können wir Talente im System halten", so Tschäge. Das sind die Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.