Pferdesport in der Pandemie: "Lieber ein komischer CHIO als gar keiner"

Luftiger als sonst: Die Stände auf dem Gelände des CHIO in Aachen

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Pferdesport in der Pandemie: "Lieber ein komischer CHIO als gar keiner"

Von Volker Schulte

Der CHIO in Aachen lebt von großem Sport, super Stimmung und seinem Volksfest-Charakter. Von allem ist dieses Jahr weniger - trotzdem sind die Veranstalter zufrieden. Eine erste Bilanz.

Ungewohnt leer ist es auf dem weitläufigen Gelände des CHIO in Aachen. Beim "Weltfest des Pferdesports", wie sich das Event im und am größten Reitsportstadion der Welt selbstbewusst nennt, drängen sich normalerweise tausende Zuschauer in schmalen Gängen zwischen Verkaufs- und Imbissständen. In diesem Jahr ist deutlich mehr Platz - und das ist von den Veranstaltern durchaus gewollt.

Zuschauerkapazität kurzfristig noch erhöht

CHIO-Turnierdirektor Frank Kempermann

CHIO-Turnierdirektor Frank Kempermann

"Ziel ist, dass die Menschen Platz und Luft haben, dass sie sich sicher fühlen", sagt Turnierdirektor Frank Kempermann im WDR-Interview. Die Zahl der Aussteller sei deshalb auf 60 Prozent reduziert und zunächst waren nur 33 Prozent der sonst üblichen Zuschauerkapazität zugelassen.

Die neue Coronaschutzverordnung in NRW ermöglichte dann kurzfristig eine Auslastung von 50 Prozent. Der CHIO ergriff diese Möglichkeit drei Tage vor der Eröffnungsfeier. "An einigen Haupttagen hatten wir schon die 33 Prozent erreicht oder fast erreicht - deshalb haben wir erhöht", sagte Kempermann.

2020 abgesagt, 2021 verschoben

Trotzdem blieben bei der Eröffnungsfeier viele und beim beliebten Nationenpreis am Donnerstagabend einige Karten ungenutzt. So spontan waren die Pferdesportfans in der Region dann offenbar doch nicht. Vermutlich sind viele Menschen coronabedingt auch noch vorsichtig mit Großveranstaltungen. Trotzdem zieht Kempermann ein positives Fazit. "In der Covid-Zeit sind wir zufrieden, dass wir ein Turnier machen können - auch wenn es mit weniger Zuschauern ist."

2020 ist der CHIO komplett ausgefallen, 2021 verschoben worden auf den ungewohnten Termin im September - eingezwängt zwischen anderen Großereignissen. "Wir wussten, dass das nicht ideal ist", sagte Kempermann. "Die Europameisterschaften sind noch dazwischengekommen, das war gar nicht geplant. Der Kalender ist ein kleines Chaos."

Geringere Einnahmen, höhere Kosten

Die Spring- und Dressurreiter haben kurz vor dem CHIO ihre Europameister ermittelt, direkt im Anschluss findet die EM der Vielseitigkeitsreiter statt. Deshalb haben nur wenige Sportler ihre Top-Pferde in Aachen dabei. "Damit müssen wir leben", sagt Kempermann. "Wir haben trotzdem noch ein Top-Teilnehmerfeld."

Finanziell dürfte sich das Turnier für den Ausrichter, den Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV), nicht lohnen. Kempermann verweist auf die reduzierten Zuschauereinnahmen bei zusätzlichen Kosten wegen der Corona-Auflagen. "Wir werden nicht mit einer schwarzen Null abschließen", sagt auch Chef-Vermarkter Michael Mronz. "Aber es ist wichtig, Präsenz zu zeigen, dem Sport wieder ein Angebot zu machen." Kempermann sagt es so: "Lieber ein etwas komischer CHIO als gar keinen CHIO."

CHIO-Vermarkter Mronz: "Werden nicht mit einer schwarzen Null abschließen" Sportschau 17.09.2021 05:02 Min. Verfügbar bis 17.09.2022 Das Erste

"Respekt und Hochachtung" zollt vor diesem Hintergrund Sportschau-Reitsportkommentator Carsten Sostmeier dem ALRV. Die Durchführung des Turniers sei "ein Fingerzeig: Unser Reitsport ist da. Wir wollen und werden ihn nicht verlieren - und Aachen ist da ein vornehmer Vorreiter."

CHIO während Pandemie: Sostmeier zollt Veranstaltern "Hochachtung" Sport im Westen 15.09.2021 00:25 Min. Verfügbar bis 16.09.2022 WDR

Pandemie trifft auch den Pferdesport

Denn die Pandemie hat auch den Pferdesport hart getroffen. "Die Veranstalter haben es schwer", sagt Kempermann. "Wir gehen jetzt in den Winter und immer noch werden Turniere abgesagt, gerade in der Halle. Viele Reiter leben von Turnieren, vom Pferdehandel, vom Reitunterricht. Es war für alle kein wirtschaftlich interessantes Jahr."

Der ALRV selbst habe in den vergangenen Jahren versucht, Rücklagen zu bilden. "Dank dieser Reserve überleben wir, können ein Turnier organisieren und unseren Mitarbeitern jeden Monat ihr Gehalt zahlen", sagt Kempermamn, der Vorstandsvorsitzende des ALRV. Dankbar sei er auch dafür, dass fast alle Sponsoren weiter mit dabei seien.

Höhere Preisgelder bei den Springreitern

Anachronistisch wirkt, dass der CHIO in diesem Jahr erstmals die deutlich erhöhten Preisgelder im Springreiten ausschüttet. So hat sich der Betrag beim Nationenpreis auf eine Million Euro verdoppelt. "Der Mannschaftswettbewerb 'Nationenpreis' ist super wichtig", sagt Kempermann. "Es ist ganz einfach: Am Ende muss das Preisgeld durch vier geteilt werden. Wenn man das vergleicht mit den anderen Prüfungen, ist der Nationenpreis nicht so gut bewertet. Dabei ist er ein Highlight mit vollem Haus und toller Atmosphäre."

Auch beim Großen Preis von Europa und dem Großen Preis von NRW, die beide Qualifikationsprüfungen für den schon länger mit einer Million Euro dotierten Großen Preis von Aachen am Sonntag sind, hat der CHIO das Gesamtpreisgeld auf jeweils 200.000 Euro verdoppelt - um das "Verhältnis zu wahren", so Kempermann. Beschlossen worden waren die Erhöhungen schon vor der Pandemie. "Wir sagen jetzt nicht den Sponsoren, dass wir die Preisgelder wieder zurückdrehen. Aachen soll ein vernünftiges Preisgeld haben", sagt Kempermann.

Termin im Herbst soll Ausnahme bleiben

Immerhin hat das Wetter mitgespielt. Im Juni/Juli ist der CHIO in der regenreichen Aachener Soers oft eine nasse Angelegenheit. Auch dieses Jahr gab es Niederschlag, größtenteils aber angenehmes Frühherbst-Wetter. Eine dauerhafte Alternative ist der neue Termin für Kempermann aber nicht. "Wir hoffen, dass wir 2022 wieder einen normalen CHIO zum gewohnten Termin anbieten können."

Stand: 18.09.2021, 14:30