Aufstieg - Neuss ringt sich in die deutsche Elite

Der Neusser Ayub Musaev in Aktion

Ringen

Aufstieg - Neuss ringt sich in die deutsche Elite

Von Olaf Jansen

Blutjung und kampfstark: Die jungen Ringer des KSK Konkordia Neuss haben den Sprung in die beste deutsche Ringerliga geschafft. Wie diese demnächst strukturiert sein wird, darüber wird gerade abseits der Matte gestritten.

Am Ende war alles nur noch Formsache: Nachdem die Ringer des Kraftsportklub (KSK) Konkordia Neuss Mitte Dezember auch ihren abschließenden Heimkampf in der Oberliga Rheinland gegen die niederländische Equipe von Simson Landgraaf mit 30:10 deutlich für sich entschieden hatten, war der Weg frei: Die Rückkehr in die 1. Bundesliga war perfekt.

Playoff-Finale nur noch Formsache

Es steht zwar am 21. Dezember noch ein Playoff-Finale gegen den Meister der Oberliga Westfalen an, das eigentlich die Entscheidung um den Aufstieg bringen sollte. Doch weil dieses die Zweitvertretung des KSV Witten erreicht hat, deren Erstvertretung bereits in der Bundesliga spielt, steht Konkordia schon vor dem Kampf als Aufsteiger fest.

"Wir freuen uns natürlich sehr, dass wir künftig wieder unter den Besten kämpfen können", sagt KSK-Ehrenvorsitzender Hermann-Josef Kahlenberg. Der 73-Jährige ist ein Unikum in der Ringerszene, er hat die Geschichte der Neusser Kämpfer entscheidend mitgeprägt. Und er hat sie alle miterlebt, die ständigen Aufs und Abs der deutschen Ringerszene und die seines Vereins.

Freiwilliger Rückzug 2012

Denn Konkordia Neuss ist kein unbeschriebenes Blatt in der deutschen Ringerspitze. Zwischen 2001 und 2012 war man zuletzt auch schon in der Bundesliga unterwegs, ehe man sich zu einem freiwilligen Rückzug entschloss. "Ich war damals wegen Krankheit nicht mehr voll einsetzbar. Da hat der Verein entschieden, sich lieber aus der Eliteliga zurückzuziehen. Das finanzielle Risiko wollte man ohne mich nicht mehr eingehen", erklärt Kahlenberg.

Ringkampf: Der Neusser Samuel Bellscheidt in Aktion Sportschau 16.12.2019 02:22 Min. Verfügbar bis 16.12.2020 Das Erste

Die Neusser konzentrierten sich fortan lieber auf die Förderung der Jugend - und das gelang eindrucksvoll. Trainer Oleg Dubov, ehemalige Nationaltrainer in Usbekistan, wurde in die Jugendarbeit beordert, und er forderte und förderte die jungen Ringer aus der Umgebung. Fünfmal in Folge wurden die Neusser deutscher Jugendmeister - und sie führten die Nachwuchsleute Schritt für Schritt an das deutsche Spitzenniveau heran.

Eigene Jugend ist in der Spitze angekommen

Ayub Musaev (r.) jubelt

Dort sind sie nun angekommen. So schätzen sie das in Neuss selber ein. Und deshalb wagen sie auch den Sprung nach ganz oben, den sie im vergangenen Jahr noch abgelehnt hatten. "Unsere jungen Leute sind mittlerweile so stark, dass sie sich behaupten werden. Wir werden zwar sicherlich nicht im oberen Teil der Liga landen, aber absteigen sollten wir auch nicht", schätzt Kahlenberg die Lage ein.

Die insgesamt 24-köpfige Riege der Neusser setzt sich beinahe ausnahmslos aus Kämpfern aus der eigenen Jugend zusammen. Das Durchschnittsalter liegt bei gut 20 Jahren. Damit vermeiden die KSK-Verantwortlichen kostenintensive Verpflichtungen erfahrener Kämpfer aus dem traditionell starken Osteuropa, mit deren Hilfe sich viele andere deutsche Klubs in der 1. Liga über Wasser halten.

100.000 Euro für Fahrt- und Übernachtungskosten

Der Etat der Neusser liegt bei vergleichsweise niedrigen 100.000 Euro pro Jahr, das Geld geht vor allem drauf für Reise- und Übernachtungskosten der jungen Athleten, wenn sie auf Fortbildungskämpfen oder internationalen Turnieren unterwegs sind. In der Bundesliga werden höhere Kosten für weitere Auswärtsfahrten hinzukommen. "Das werden wir stemmen können. Zur Not sparen wir an der ein oder anderen Turnierteilnahme", sagt Kahlenberg.

Die hohen Kosten vor allem sind insgesamt der Grund dafür, dass aktuell wieder einmal über die Struktur im deutschen Ringer-Ligensystem gestritten wird.

2016: Revolution durch Gründung einer Profiliga

Schon 2016 gab es sozusagen eine Revolution, damals scherten fünf Topteams aus dem Verbandswesen aus und gründeten eine professionelle deutsche Ringerliga. Darunter war mit Germania Weingarten der damalige deutsche Meister sowie mit dem VfK Schifferstadt einer der ganz großen deutschen Traditionsvereine. Die Kämpfe in dieser Liga, die auch TV-Präsenz im Privatfernsehen gefunden haben, bestreiten fast ausnahmslos angeheuerte Profis aus dem Ausland, während sich die deutschen Kämpfer in der schwächeren deutschen Bundesliga tummeln.

Während die meisten Vereinsvertreter künftig neben der nach wie vor funktionierenden Profiliga für eine zweigeteilte Bundesliga und die Wiedereinführung zweier Zweitligastaffeln votieren, kämpfen vor allem die Topvereine um eine eingleisige Topliga mit zehn Teams und einem breiter gefächerten Zweitliga-Unterbau.

Erneute Bundesliga-Reform steht bevor

Derzeit deutet alles darauf hin, dass ab 2021 in der erstgenannten Variante gerungen wird, sicher ist aber nur, dass das derzeitige Konstrukt mit drei Bundesligen und einem Unterbau von Regional- bzw. Oberliga keine Zukunft hat. "Die Leistungsunterschiede der Teams in den drei Bundesligen sind schlicht zu hoch", erklärt Kahlenberg. Er würde sich mit seinen Neussern künftig am ehesten unter einer eingleisigen Topliga in einer 2. Liga sehen. "Da passen wir sportlich gut hin. An die ersten zehn Teams in Deutschland kommen wir nicht ran und in einer regional unterteilten 2. Liga wären die Reisekosten überschaubar", so Kahlenberg.

Stand: 18.12.2019, 11:32