Kollabierter Ruderer Reinhardt: "Der Wille war noch im Kopf"

Christopher Reinhardt (r.)

Ruderer und Sportmediziner im Interview

Kollabierter Ruderer Reinhardt: "Der Wille war noch im Kopf"

Von Jakob Halbfas

Dem deutschen Ruderer Christopher Reinhardt fehlen nach seinem Zusammenbruch beim Kanal-Cup 20 Minuten seiner Erinnerung. Sportmediziner Hans-Georg Predel fordert eine kritische Auseinandersetzung mit der Strecken-Konfiguration des 12,7 Kilometer langen Rennens.

In einem dramatischen Rennen erlitt Reinhardt vom Deutschland-Achter während des Kanal-Cups am Sonntag (08.09.2019) einen Schwächeanfall. Gleiches galt für ein Mitglied der zweitplatzierten Niederländer. Der Sieg des Deutschland-Achters geriet in den Hintergrund.

Beide Ruderer mussten nach dem Rennen ärztlich betreut werden, waren aber stabil. "Das war sicherlich das größte Drama, das wir je beim Kanal-Cup gesehen haben", sagte Achter-Trainer Uwe Bender dem "NDR Sportclub" nach dem Rennen: "Wir wissen, dass wir hier ans Limit der physischen Leistungsfähigkeit gehen müssen, aber hier sind sowohl die deutsche Mannschaft als auch der Holländer darüber hinausgegangen. Das macht mich sprachlos."

Kollabierter Ruderer Reinhardt: "Der Körper kann das ganz gut verarbeiten" Sportschau 11.09.2019 09:02 Min. Verfügbar bis 09.09.2020 Das Erste

Reinhardt: "Es geht mir gut"

Einen Tag nach dem dramatischen Vorfall konnte Reinhardt wieder lachen, ist bereits zu Hause angekommen. Der 22-Jährige erzählt im Gespräch mit der Sportschau, dass er nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt bereits am Sonntagabend wieder bei der Mannschaft war. "Ich fühle mich noch etwas schlapp und habe Gliederschmerzen. Aber im Großen und Ganzen geht es mir gut", berichtet er.

Für den Sportmediziner Professor Dr.Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule Köln ist der Vorfall in dieser Form "ungewöhnlich und für Außenstehende erschreckend. Aber als Reaktion des Körpers auf extreme Überbelastung nichts, was mit dauerhaften Schäden verbunden ist."

Sportmediziner Predel: "Ein Abbruch wäre durchaus vertretbar gewesen"

Sportschau 10.09.2019 09:42 Min. Verfügbar bis 10.09.2020 ARD

Reinhardt fehlen 20 Minuten

Christopher Reinhardt vergleicht den Vorfall mit ähnlichen Situationen, die im Training vor allem bei Ergometertests vorkommen. Laut Reinhardt ist es nicht unüblich, dass sich Sportler so sehr verausgaben, dass sie sich übergeben müssen oder ohnmächtig werden. "Es gehört zum Leistungssport dazu, dass man mal über seine Grenzen geht," erzählt Reinhardt. Ein Zusammenbruch im Wettkampf war für den 22-Jährigen jedoch eine Premiere.

"Wenn man es von außen so sieht, ist es schon hart, wie ich ins Boot klappe. Das sieht nicht sonderlich schön aus. Aber ehrlich gesagt habe ich daran gar keine Erinnerungen mehr. Mir fehlen ungefähr 20 Minuten. Scheinbar hat mein Kopf meinen Körper noch ganz gut gesteuert bekommen", beschreibt Reinhardt seinen Zusammenbruch.

Predel: "Nur schwer nachzuvollziehen"

Wie Reinhardt nach dem Zusammenbruch weiter rudern konnte und es schaffte, auf den letzten hundert Metern sogar den Zielsprint des deutschen Achters mitzugehen, weiß er selbst nicht: "Keine Ahnung, wie ich das geschafft habe, mich da noch zu bewegen. Scheinbar war das in mir drin. Wahrscheinlich war das ein Automatismus, den wir sehr gut eintrainiert haben."

Auch Predel kann nur schwer nachvollziehen, wie Reinhardt es trotz Zusammenbruchs geschafft hat, weiter zu rudern: "Diese Reflexe zeigen, dass bei einem Hochleistungsruderer bestimmte Handlungsmechanismen tief einprogrammiert sind." Reinhardt sei aus seiner "Bewusstseinseintrübung" herausgekommen und habe sofort reflexartig die Ruder gegriffen. "Das hätte er nicht gemacht, wenn er bei vollem Bewusstsein gewesen wäre", sagt Predel.

Reinhardt sieht die Fehler bei sich selbst

Geht es nach dem Sportmediziner, sollte man nach den beiden Vorfällen den Kanal-Cup mit der extremen Distanz von 12,7 Kilometern hinterfragen: "Wenn das gleich zwei Athleten passiert, sollte man sich hinsetzen und kritisch überlegen, ob man dieses Rennen in dieser Form weiter fahren sollte." Reinhardt sieht das entspannter. Er sieht die Ursachen bei sich selbst und begründet den Zusammenbruch mit einer falschen Streckeneinteilung. "Es spricht nichts dagegen, den Kanal-Cup so weiterzuführen, wie er ist."

Stand: 10.09.2019, 15:45