Olympia mit Defibrillator - Katharina Bauer kämpft um Tokio-Ticket

Stabhochspringerin Katharina Bauer

Stabhochsprung

Olympia mit Defibrillator - Katharina Bauer kämpft um Tokio-Ticket

Von Danny König

Wie viele Rückschläge braucht es im Sportlerleben, um die Karriere an den Nagel zu hängen? Für Katharina Bauer, Stabhochspringerin mit Defibrillator, waren es einige - aufgegeben hat sie aber nie. Nun träumt sie von der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio, die sie sich eigentlich anders vorgestellt hatte.

Wenn Kathatina Bauer (TSV Bayer Leverkusen) sich über vier Meter in die Luft schwingt, fliegt ihr kleiner 130 Gramm schwerer Lebensretter immer mit: Die 30-Jährige ist die erste Stabhochspringerin mit einem implantierten Defibrillator. Der Eingriff im Jahr 2018 war unumgänglich, Bauer leidet seit ihrer Kindheit an einer Herzkrankheit.

Ein normales Herz schlägt etwa 100.000 Mal täglich, bei der Leichtathletin waren es bis zu 18.000 Schläge mehr. Die sogenannten Extrasystolen können zu einem lebensgefährlichen Kammerflimmern führen - ist das der Fall, springt der "Defi" ein, um einen plötzlichen Herztod zu vermeiden.

Viele Rückschläge, aber immer ein Comeback mehr

Für Spitzensportler ist der eigene Körper das wichtigste Instrument, und wenn er streikt oder ständig von Verletzungen gebeutelt wird, kann das gleichbedeutend mit dem Karriereende sein. Katharina Bauer stand spätestens mit der Implantation der Schock-Elektrode an diesem Punkt: "Das Karriereende stand zur Debatte, da die Mediziner keine Erfahrungswerte mit 'Defis' und Spitzensport hatten. Also habe ich auf eigene Faust versucht - 'Defi' und Spitzensport - unter einen Hut zu bringen. Ich wollte am Ende nicht bereuen, es nicht versucht zu haben. Und ich habe mich belohnt."

Gestraft wurde sie in ihrer Karriere oft genug. Die gebürtige Hessin unterzog sich schon vor dem "Defi"-Eingriff mehreren Herz-Operationen - um die Extraschläge in einem Bereich zu halten, der nicht lebensgefährlich ist. Dazu kamen Zwangspausen für Bauer immer zu Hochzeiten: 2015 sprang sie in Halle (4,60 Meter) und Freiluft (4,65 Meter) ihre Bestleistung, danach zwang sie eine Handverletzung (Speichen- und Trümmerbruch im Handgelenk) zur Pause.

Immer wieder zurückgekämpft

Im Februar 2018, zwei Monate vor der "Defi"-Implantation, wurde sie deutsche Hallenmeisterin - war also wieder auf dem Weg zur Topform. Die darauffolgende Hallensaison beendete sie mit der Vizemeisterschaft und konnte danach wegen eines Bandscheibenvorfalls acht Wochen keine Sprünge absolvieren. Dennoch kämpfte sich Bauer immer wieder zurück an die Sprunganlage.

Bauer: "Bin mehr als die Stabhochspringerin mit Defibrillator"

Der Defibrillator ist zwar ein Teil von ihr, aber er soll nicht mehr das Hauptaugenmerk sein, wenn es um ihre Person geht: "Klar, der 'Defi' ist überlebenswichtig für mich und es gibt nicht viel, was genialer ist, als einen Rettungssanitäter in dir drin zu haben." "Aber", so Bauer weiter "ich bin mehr als nur die Stabhochspringerin mit Defibrillator, ich bin eine echte Kampfsau."

Natürlich vermarktet sich die Wiesbadenerin über das Alleinstellungsmerkmal. In der Leichtathletik ist man auf das öffentliche Interesse und Sponsoren angewiesen, viel mehr als etwa ein Profi-Fußballer, der auf dem gleichen Spitzenniveau Sport betreibt. Jedoch ist es für Katharina Bauer immer eine Konfrontation mit dem Jahr 2018: mit dem Schmerz, mit der Ungewissheit, ob sie ihren Sport überhaupt weitermachen kann.

Stabhochspringerin Katharina Bauer vom TSV Bayer 04 Leverkusen zeigt ihre Operationsnarbe

Stabhochspringerin Katharina Bauer vom TSV Bayer 04 Leverkusen zeigt ihre Operationsnarbe

Sie hat das Beste aus der Angst und der Ungewissheit gemacht - ihre Karriere geht weiter, sie hält Motivationsvorträge und ist Botschafterin ihres "Defi"-Herstellers. "Dennoch", sagt die gebürtige Hessin, "möchte ich einfach über andere Dinge sprechen und nicht jedes Mal in das Jahr 2018 zurückgeworfen werden."

"Wir funktionieren gerade nur noch"

In naher Zukunft steht das Olympische Turnier in Tokio an - ein Lebenstraum von Bauer. Die Corona-Pandemie erschwert die Vorbereitung: "Wir können zwar momentan uneingeschränkt trainieren, aber irgendwie funktionieren wir gerade nur noch". Es fehlen die Wettkämpfe und die Planungssicherheit.

Laut dem Sportpsychologen Jens Kleinert sind Unsicherheiten in der Planung und vor allem die fehlenden Wettkämpfe eine starke Belastung für die SportlerInnen. Denn: Turniersituationen ließen sich nur schwer im Training simulieren. Das betreffe neben der Wettkampfvorbereitung auch den Konkurrenzkampf oder den Umgang mit Drucksituationen und Erschöpfungserscheinungen, erklärt der Experte.

"Ist natürlich traurig"

Mit Blick auf den Beginn der Spiele vermisst Katharina Bauer außerdem die Perspektive auf ein rauschendes Sportfest. Trotz aller Widrigkeiten und der Tatsache, dass Olympia durch die Pandemie sein Flair verliere, will sie natürlich an den Start gehen: "Aber wenn ich mir vorstelle, dass ich mich qualifiziere und dann vor leeren Rängen springe, ist das natürlich traurig und entspricht nicht wirklich meinem Traum von Olympia."

Zudem fehle der Austausch mit anderen Sportlern, sagte sie. So werde Olympia zu einem Turnier vor leeren Rängen, das einfach sehr weit weg vom Olympischen Gedanken sei. Aber wie so oft in ihrer Karriere wendet Katharina Bauer das Negative zum Guten und spricht davon, dass Corona-Olympia ja auch eine Erfahrung sei und sie einfach noch drei Jahre weitermachen müsse, um sich ihren Traum von einem normalen Olympia zu erfüllen.

Stand: 02.04.2021, 15:00