"Sehnsucht ist riesig" - Interview mit Breitensport-Vereinsvertreter

Holger Dahlke

"Sehnsucht ist riesig" - Interview mit Breitensport-Vereinsvertreter

Hygienekonzept, Aufsichtspflicht, Teilnehmerbegrenzung - die Verantwortlichen in Breitensport-Vereinen haben es in diesen Tagen schwer. Wir haben mit einem von ihnen gesprochen.

Holger Dahlke ist geschäftsführender Vorstand des MTV Köln, dem größten Breitensportverein Kölns. Rund 5.400 Mitglieder nutzen das flächendeckende Sportangebot in über 60 Sportstätten, die über das geamte Stadtgebiet verteilt sind.

WDR: Sie bieten in ihrem Verein eine große Palette von Sportarten an. Haben Sie schon einen genauen Überblick gewonnen, was nun genau wieder stattfinden darf und was nicht? 

Holger Dahlke: Es ist nicht ganz so leicht, denn auch die neue Schutzverordnung beantwortet auf Anhieb nicht alle Fragen. Während beispielsweise die Regeln und Vorschriften zum Thema Fitness und Fitness-Studios sehr detailliert beschrieben sind, fehlen beim Schwimmen genaue Vorschriften. Wir wissen Folgendes: Die vorgegebenen Abstandsregeln sind für uns im Wasser kein Problem, sie können dort eingehalten werden. Zudem verfügt unser eigenes Bad über eine sehr gute Raumlufttechnik, welche die Luft entfeuchtet und somit unproblematische Verhältnisse bietet. Schwieriger wird es in den Umkleiden. Die sind naturgemäß räumlich nicht so groß bemessen. Hier erstellen wir derzeit ein Konzept, das wir dann mit dem Gesundheitsamt der Stadt Köln abstimmen. Bekommen wir von dort eine positive Antwort, können wir Schwimmen wieder anbieten. Komplex sieht es auch beim Kinderturnen aus, da es nicht so einfach sein dürfte, den Bewegungsdrang von Kindern im Vorschulalter mit den Abstandsregelungen in Einklang zu bringen. 

WDR: Wie sieht es mit den sogenannten "Kontaktsportarten" aus? Finden die bei Ihnen ab dem 30. Mai alle wieder statt? 

Dahlke: So, wie wir die neue Schutzverordnung interpretieren, dürfen Kontaktsportarten im Freien mit bis zu zehn Personen wieder stattfinden. Wir müssen uns als Verein also überlegen, wie wir mit Hallensportarten wie Handball, Basketball und Volleyball umgehen. Da haben wir das Training auch in den vergangenen Wochen teilweise schon nach draußen verlegt. Kampfsportarten wie Judo oder Karate sind gar nicht möglich, auch hier findet derzeit ein improvisiertes Fitness- und Techniktraining im Freien ohne Körperkontakt statt.

WDR: Wie sieht zum Beispiel Handballtraining derzeit konkret aus? 

Dahlke: Wir haben eine große Handballabteilung, sind dort teils auch leistungsorientiert unterwegs. Hier hat das Training schon in den vergangenen Wochen draußen auf dem Sportplatz stattgefunden. Es wurde ohne Körperkontakt trainiert. Also: Technikübungen, Wurfübungen, Koordination. Theoretisch darf man ab 30. Mai auch wieder Trainingsspiele machen. Heißt: Wir dürften also Trainingsspiele mit zwei Fünfermannschaften stattfinden lassen. 

WDR: Sie werden also zumindest Training in allen Sportarten wieder anbieten? 

Dahlke: So einfach ist es nun auch nicht, denn ich halte das Thema Kontrolle für schwierig. Wir nutzen viele Sportstätten, sind da dezentral organisiert. Heißt: Die Sportstätten liegen weit auseinander. Um alles zu betreuen und zu kontrollieren, müssten wir erheblich mehr Personal einsetzen als zuvor. Abgesehen davon sind die Sport- und Turnhallen von der Stadt Köln, mit ganz wenigen Ausnahmen die wir gar nicht nutzen, bis heute noch nicht freigegeben. 

WDR: Lohnt es sich unter diesen Voraussetzungen überhaupt, wieder Trainingsangebote zu machen? 

Dahlke: Auf jeden Fall. Wir haben in den letzten Tagen und Wochen gemerkt, dass die Leute heilfroh sind, überhaupt wieder in irgendeiner Art und Weise Sport miteinander zu treiben. Diese Fitnessvideos mit Tipps für Sport in den eigenen vier Wänden waren gut und schön, funktionieren aber jetzt kaum noch. Das gemeinsame Erlebnis beim Sport bedeutet für die Menschen sehr sehr viel.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 28.05.2020, 14:07