BVB-Handballfrauen feiern ersten Meistertitel

Die Handballerinnen von Borussia Dortmund bejubeln ihren Sieg

Handball

BVB-Handballfrauen feiern ersten Meistertitel

Von Florian Kurz

Nach ihrem 39:22 Auswärtserfolg bei der SV Union Halle-Neustadt sind die ungeschlagenen Dortmunderinnen in der Bundesliga nicht mehr einzuholen. Der erste deutsche Meistertitel in der Vereinsgeschichte ist der Mannschaft nicht mehr zu nehmen.

Der Verein hat vorgesorgt. Für jede Spielerin ein Krönchen. Wer nicht selbst auf dem Feld steht trägt seins schon, als Trainer André Fuhr eine Minute vor Schluss des Spiels in Halle noch einmal eine Auszeit nimmt. Anders als sonst gibt's keine taktischen Anweisungen, Fuhr will einfach nur gratulieren, der eigenen Mannschaft, für eine herausragende Saison.

Was für eine überlegene Premiere-Meisterschaft. 27 Spiele - 27 Siege bisher. Dazu ein überragendes Torverhältnis, im Durchschnitt gewannen die Dortmunderinnen ihre Spiele mit mehr als zehn Treffern Vorsprung. Auf die Mannschaft wartet in Dortmund-Wellinghofen ein Fahrdienst, der jede Spielerin nach Hause fährt.

Feuchtfröhliche Rückfahrt

Eine gute Idee im Sinne der Führerscheinerhaltung, denn fünf Stunden dauerte die Rückfahrt aus Halle im Bus. Eine feuchtfröhliche Angelegenheit. "Eigentlich sind wir in dieser Saison noch gar nicht dazu gekommen mal richtig gemeinsam zu feiern. All die englischen Wochen haben uns gar keine Zeit gelassen. Doch jetzt mit dem Meistertitel ist ein Traum für uns in Erfüllung gegangen", beschreibt Nationalspielerin Johanna Stockschläder die lange Wartezeit der Vorfreude.

Eine Leistung, die vor ein paar Jahren noch gar nicht so absehbar war. Als Links-außen Johanna Stockschläder 2017 nach Dortmund wechselte war klar, dass der Klub durchaus Ambitionen hatte nach oben anzugreifen, "aber vom Meistertitel war da noch gar nicht die Rede."

Langes Warten auf die erste Meisterschaft

Szene aus dem HBF-Spiel Dortmund gegen Bietigheim

Frauen-Handball bei Borussia Dortmund - eine wechselhafte Geschichte. Zwar wurde die Handball-Abteilung bereits 1924 gegründet, und schon zwei Jahre später durch eine Frauenmannschaft ergänzt, aber bis zu ersten größeren Erfolgen dauerte es fast sieben Jahrzehnte. Mitte und Ende der neunziger Jahre gehörte Borussia Dortmund erstmals zur deutschen Spitze, gewann mal den DHB Pokal, aber nie den Meistertitel.

Danach gings abwärts, sogar der Fortbestand der Mannschaft stand komplett in Frage. Das Problem: Dortmunds Fußballer standen 2005 kurz vor dem Konkurs. Als Kommanditgesellschaft auf Aktien, galt es alle Verlustquellen zu eliminieren. "Die Geschäftsführung wollte damals die Handball-Bundesliga Mannschaft komplett zu machen. Aber da habe ich gesagt, das geht nicht."

Überlebenswichtige Worte aus dem Mund von Dr. Reinhard Rauball.

Der langjährige Dortmunder Vereinspräsident ist selbst großer Handball-Fan, sitzt mindestens bei der Hälfte aller Heimspiele der Handballerinnen auf der Tribüne. Dennoch spielte das Dortmunder Team danach lange nur in der zweiten Bundes-liga, erst seit dem Aufstieg 2015, sind Konstanz und große Ziele zurückgekehrt. "Wir standen damals vor dem Abgrund, das hat mich geprägt. Ohne Dr. Rauball gäbe es die Mannschaft nicht mehr", sagt Andreas Heiermann, der sich seit 2007 als Abteilungsleiter um die Handballerinnen kümmert.

Jennifer Rode

Sportlich hat an der Seitenlinie André Fuhr das Sagen. Der hätte eigentlich schon vor einem Jahr die erste deutsche Meisterschaft feiern wollen. Dortmund war Tabellenführer, hatte 17 von 18 Spielen gewonnen. Doch dann kam Corona. Saisonabbruch. Anders als bei den Männern wurde vom Verband kein Meistertitel vergeben. Der Frust bei der Borussia riesengroß. "Das hat sich angefühlt wie ein Schlag ins Gesicht", beschreibt Johanna Stockschläder ihre Gefühle in jener Zeit.

Aber das Team habe daraus auch viel Motivation gezogen, es mit einem Jahr Verspätung unbedingt zu schaffen. Sportlich ist die Mannschaft geprägt durch einen extrem großen Einfluss aus den Niederlanden. Neun Spielerinnen im Kader kommen aus dem Land des aktuellen Weltmeisters. Borussia Dortmund in der Saison 2020/21, das bedeutet starkes Tempospiel, bedeutet aber auch Ausgeglichenheit. Keine einzige Akteurin liegt unter den besten 15 der Bundesliga-Torschützenliste.

Drei Mal in Corona-Quarantäne

Die großen Schwierigkeiten der Spielzeit, häufig weniger die Gegner als die Umstände. Erstmals nahm der Klub an der Champions-League teil, musste lange die ungewohnte Belastung englischer Wochen verkraften. Dazu nahm die Corona-Pandemie massiv Einfluss auf die Mannschaft. Gleich drei Mal musste sie komplett in Quarantäne. Zunächst im November, ohne eigene Infektionen, und dann gleich doppelt im April. Vier Erkrankungen gab es im Kader, gemeinsames Training über Wochen unmöglich. Und trotzdem blieb Borussia Dortmund ohne jeden Punktverlust, bemerkenswert. "Würde das Team so weiterhin zusammenbleiben, sähe ich uns bald unter den besten fünf Mannschaften in Europa", sagt Andreas Heiermann.

Reus zum Meistertitel der BVB-Handballfrauen: "Grandiose Leistung" Sportschau 09.05.2021 00:38 Min. Verfügbar bis 09.05.2022 Das Erste

Allerdings wird es nach der Saison einen massiven Umbruch geben, gleich acht Spielerinnen verlassen den neuen deutschen Meister, sieben neue werden kommen. Ganz besonders die beiden niederländischen Rückraumspielerinnen Inger Smits und Kelly Dulfer werden sie in Dortmund aus sportlicher Sicht vermissen. "Die Zwei sind für mich aktuell die beiden besten Spielrinnen in der Liga", sieht Heiermann für die Zukunft Lücken im Kader entstehen. Und Konkurrenz, denn beide wechseln zum großen Liga-Rivalen der SG BBM Bietigheim, dem aktuellen Meisterschaftszweiten.

Ziel: Alle Spiele gewinnen

Fürs Erste aber gilt, den so lange ersehnte Meistertitel kann den Dortmunderinnen niemand mehr nehmen. Ein großes Ziel aber bleibt der Mannschaft noch. Die komplette Saison ohne jeden Punktverlust zu bleiben, auch noch die letzten drei ausstehenden Spiele zu gewinnen. 30 Spiele, 30 Siege sind das Ziel. "Das wäre der absolute Wahnsinn. Das wollen wir wuppen, egal was noch kommt. Und so zeigen, dass wir wirklich die beste Mannschaft sind", beschreibt Johanna Stockschläder die weiter hohe Motivation im Team.

Wäre ja auch ein fast schon historischer Meilenstein für die Dortmunderinnen, denn einen verlustpunktfreien deutschen Meister, hat es in der Geschichte der eingleisigen Frauen-Bundesliga erst zwei Mal gegeben.

BVB-Handballerinnen auf dem Weg zur ersten Meisterschaft Sportschau 31.03.2021 04:43 Min. Verfügbar bis 31.03.2022 Das Erste

Stand: 09.05.2021, 09:34