GWD-Sportchef Frank von Behren: "Tun was für den deutschen Handball"

GWD Mindens Juri Knorr (l.) und Sport-Geschäftsführer Frank von Behren

Handball-Talentschmiede

GWD-Sportchef Frank von Behren: "Tun was für den deutschen Handball"

Von Julian Tilders

Anders als im Fußball sind hohe Ablösesummen für Top-Talente im Handball nicht die Regel. Das Los von Bundesligist GWD Minden als Ausbildungsverein ist kein leichtes. Immer wieder muss sich der Klub neu erfinden - so auch nach dem bevorstehenden Wechsel von Juri Knorr.

Die Nachwuchs-Hoffnung des deutschen Handballs für den Rückraum wird sich zur kommenden Spielzeit den Rhein-Neckar Löwen anschließen. Knorr unterschrieb dort für drei Jahre, wie am Dienstag bekanntgegeben wurde.

Der 20-jährige Spielmacher wolle bei den Löwen "den nächsten Schritt" machen, dieses Bild wird im Sport bekanntlich oft bemüht. Mindens Sport-Geschäftsführer Frank von Behren hätte ihn zwar gerne "noch weiter in seiner Entwicklung begleitet", doch der Klub respektiere den Wechselwunsch.

Ablösefreier Knorr-Wechsel: Was springt heraus?

Mindens Juri Knorr

Macht das Spiel: GWD Mindens Juri Knorr.

"Das ist unser Los", erklärt von Behren im WDR-Gespräch nüchtern. Der 44-jährige Ex-Rückraumspieler kennt das Geschäft gut, ist seit 2017 beim TSV GWD Minden im Management tätig. Er ist es gewohnt, in regelmäßigen Abständen das Team neu aufstellen zu müssen. "Das ist die Folge davon, dass wir ein Ausbildungsverein sind", sagt von Behren und fügt an: "Wir können auch nichts anderes sein, weil wir nicht über die finanziellen Mittel verfügen, diesen Spielern darüber hinaus eine Perspektive aufzuzeigen. Wir müssen uns immer wieder neu erfinden."

Diesen Status als Förderer von Top-Talenten zu monetarisieren - das ist eine größere Herausforderung für den GWD-Sportchef als für seine Kollegen im Fußballgeschäft, wo regelmäßig astronomische Summen überwiesen werden. Auch für junge Spieler. Knorr wird allerdings nicht einmal eine für den Handball realistische Ablösesumme einbringen, sein Vertrag läuft aus. Sportlich hätte GWD laut von Behren natürlich davon profitiert, wenn Knorr noch geblieben wäre und sich "Spielzeit und eine gewisse Konstanz" geholt hätte. Dennoch ist von Behren sicher: "Unsere Ausgangslage verbessert sich, je mehr Spieler wir nach oben bringen."

Schicksal als Sprungbrett: Fluch und Segen

Denn als Sprungbrett stellen sich für GWD durchaus positive Effekte ein, wenn es um die Werbung weiterer Talente geht, die eine steile Karriere anpeilen und GWD sportlich sofort weiterhelfen. Knorr kam vor zwei Jahren von der B-Mannschaft des FC Barcelona nach Minden und "hätte auch andere Optionen gehabt", betont der Sport-Geschäftsführer. Er erinnert sich: "Aber er wollte zu uns, weil er Spielzeit in Aussicht hatte. In der Rückraum-Mitte waren wir nicht so gut besetzt." Knorr schlug ein. In der aktuellen Saison erzielte er in neun Spielen 35 Tore und übernahm die Verantwortung als Ideengeber. Auch, obwohl er zwischenzeitlich durch eine Corona-Infektion lange ausfiel.

Marian Michalczik im Trikot der Handball-Nationalmannschaft.

Marian Michalczik im Trikot der Handball-Nationalmannschaft.

Vielleicht hatte Knorr damals auch beobachtet, wie ein anderer Rückraumspieler den Durchbruch in Minden schaffte: Marian Michalczik. Das Mindener Eigengewächs stieg zum Spielmacher, Kapitän und Nationalspieler auf, im letzten Sommer kam dann der Wechsel zu den Füchsen Berlin. Gerüchte über eine etwaige Ablösezahlung, die den Schmerz des sportlichen Verlustes vielleicht etwas linderte, wollte von Behren damals nicht kommentieren.

GWD-Strategie auf sportliches Ziel angepasst

Jedenfalls unterstreicht der Ex-Profi: "Es ist nicht unser Ziel, Ablösesummen zu generieren, sondern sportlich erfolgreich zu sein." Die Definition des sportlichen Erfolgs liefert er direkt mit: "Ziel ist das sichere Mittelfeld." Das jedes Jahr hinzukriegen, sei dabei nicht immer einfach. Corona-Jahr, Infektion von Knorr, zwischenzeitliche Quarantäne-Situation - aber mit 10:14 Punkten sei GWD nun "absolut im Soll".

Zudem sei die Förderung junger Spieler im Klub-Leitbild verankert. Beim 23:20 (13:10)-Sieg über Top-Klub SC DHfK Leipzig wurden 16 der 23 GWD-Treffer von Eigengewächsen erzielt und 22 "von Spielern des Jahrgangs 1997 oder jünger", rechnet von Behren vor.

Indirekte Erfolgsbeteiligung: "Tun was für deutschen Handball"

Mehr noch: In den letzten 20 Jahren habe GWD "eine stattliche Anzahl an Erstliga- und Zweitligaspielern ausgebildet. Das bewegt sich so um die 40 Akteure." Das letzte Ranking der HBL in Sachen Nachwuchsförderung hat GWD auf Platz drei abgeschlossen. Wer also aus dem Leistungszentrum der Mindener kommt, hat gute Chancen, im Profi-Handball zu landen.

Rangliste zur Effektivität der Nachwuchs- und Anschlussförderung
PlatzierungKlubPunkte
1.SC DHfK Leipzig220
2.Füchse Berlin200
3.GWD Minden169
4.TBV Lemgo Lippe167
5.TuSEM Essen164

Von Behren macht eine weitere Rechnung auf: "Wir tun was für den deutschen Handball. Und vom Erfolg der Nationalmannschaft sind wir auch mittelbar betroffen. Je erfolgreicher die Nationalmannschaft, desto erfolgreicher die Liga-Vermarktung."

Neue Talente schon in den Startlöchern

Auch kürzlich hat GWD wieder zwei Talenten einen Profi-Vertrag zur kommenden Saison gegeben: Florian Kranzmann (bis 2024) und Fynn Hermeling (bis 2023), beides laut von Behren "Riesentalente". Ersterer ist ein Spieler für die linke Außenposition, wo er als etatmäßiger zweiter Mann eingeplant ist. Hermeling ist im linken Rückraum zu Hause.

Von Behren hält große Stücke auf den Nachwuchs, aber natürlich sei eine entsprechende Entwicklung nicht immer planbar. Dennoch ist mit dem Talentschmiede-Status große Hoffnung bei GWD verbunden - und Minden ist darauf auch angewiesen.

Stopft Knorr das Rückraum-Loch des DHB-Teams? Sportschau 04.11.2020 02:37 Min. Verfügbar bis 04.11.2021 Das Erste

Stand: 30.12.2020, 13:23