Umverteilung: "Wir Amateurvereine müssen finanziell stärker unterstützt werden"

Amateurfußball - Jürgen Strumpen

Umverteilung: "Wir Amateurvereine müssen finanziell stärker unterstützt werden"

Vielen Amateurvereinen fällt es nicht nur in der Corona-Krise schwer, ihre Aufgaben zu bewältigen. Ein Amateurfußball-Vertreter berichtet von der Basis - und fordert eine Umverteilung im Fußball.

Laut DFB-Statistik interessieren sich immer weniger - vor allem junge - Menschen für Vereinsfußball. Die Mitgliederzahlen sinken, immer weniger Teams nehmen am Spielbetrieb teil. Woran liegt's? Wir haben mit Jürgen Strumpen gesprochen, einem klassischen Vertreter des Amateurfußballs. Strumpen ist seit vielen Jahren ehrenamtlich beim SC Köln-Holweide, einem kleinen Amateurverein im Kölner Osten tätig.

WDR: Sie haben bei einem kleinen Fußball-Amateurverein in Köln neben dem Trainerjob auch ein Vorstandsamt übernommen. Warum haben Sie das getan?

Jürgen Strumpen: Ich war von kleinauf Sportler. In der Jugend aktiver Fußballspieler, später bei den Senioren. Danach wurde ich Trainer. Und jetzt bin ich in die Vorstandsarbeit gegangen. Weil ich mit dem Herzen Sportler bin. Und ich habe in all dieser Zeit gelernt: Wenn man etwas positiv beeinflussen will, muss man aktiv werden. Also habe ich ein Vorstandsamt übernommen, als man mich darum gebeten hat. Für mich war das eine logische Entwicklung, weil ich in den Jahren als Trainer eine sehr enge Beziehung zu dem Verein und zu den handelnden Personen aufgebaut habe. So ein Engagement geht am Ende nur, wenn es eine Herzenssache ist.


WDR: Wie hat Ihr Verein die Coronaphase überstanden?

Strumpen: Es war tatsächlich so, dass wir in der Phase des Corona-Lockdowns mit einem starken Rückgang der Mitgliederzahl zu tun hatten. Von rund 380 auf etwa 200. Das war aber kein dauerhaftes Phänomen. Im Gegenteil: Seit wir wieder aktiv auf dem Fußballplatz sind, haben wir mindestens einen ebenso starken Anstieg der Mitgliederzahlen zu verzeichnen. Wir haben gerade der Jugend bei uns noch mehr Angebote und Trainingszeiten anbieten können und konnten die Mitgliederzahl in den letzten drei Monaten fast wieder verdoppeln.

Coronapause - "Kinder sind zurückhaltender geworden"

WDR: Bundesweit spielen immer weniger Kinder und Jugendliche Fußball. Bemerken Sie gerade auch eine Fußball-Depression? 

Strumpen: Von Depression würde ich nicht sprechen, dieser Begriff ist mir zu stark. Aber klar: Der Corona-Lockdown hat den Kindern und Jugendlichen in keinster Weise gut getan. Ihnen wurde gewissermaßen ein Bewegungsverbot auferlegt. In der Schule, in ihren Vereinen wurden sämtliche Bewegungsangebote lahmgelegt. Den Kids hat der Ausgleich gefehlt. Wir haben in dieser Zeit im Verein bemerkt, dass die Kids zurückhaltender in ihrem Wesen geworden sind. Sie waren nicht mehr so ausgelassen.

WDR: Was konnten Sie im Verein tun, um den Kindern zu helfen?

Strumpen: Wir waren angehalten, die Kids dennoch irgendwie zu beschäftigen. Aber man muss auch ehrlich sein: Das kann beileibe nicht jeder Verein leisten. Da ist entscheidend, welchen Grad der Ausbildung die Trainer zum Beispiel haben. Bei den meisten ist nun einmal keine sozialpädagogische Vorbildung vorhanden. Und dann ist auch noch entscheidend: Was erleben die Kids daheim? Wird sich dort ausreichend um sie gekümmert? Da gibt es zum Teil sehr große Defizite. Was wir im Moment merken: Angesichts der neuen Diskussion um die Corona-Infizierungen sind gerade Kinder und Jugendliche sehr verunsichert. Sie fürchten sich regelrecht vor einem erneuten Sportverbot.

WDR: Wie finanziert sich ein Verein wie ihrer? 

Strumpen: Man bekommt als Verein zwar kleine Zuschüsse von der Stadt, aus Töpfen der öffentlichen Hand, doch das ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Im Großen und Ganzen lebt ein Amateurverein von Beitragszahlungen und von Sponsoren. Um diese zu finden und für das Projekt zu begeistern, braucht man aber wieder Interessierte, Ehrenamtliche, die sich einsetzen. Und genau diese Personen gibt es heute immer weniger.

WDR: Reichen die Beitragszahlungen der Mitglieder aus, um über die Runden zu kommen? Oder wären Sie ohne externe Sponsoren handlungsunfähig? 

Strumpen: Bei uns zahlt ein Vereinsmitglied im Jahr einen Beitrag von 144 Euro. Das ist gegenüber vergleichbaren Vereinen ein relativ geringer Jahresbeitrag. Der aber auch damit zu tun hat, dass wir in einem relativ sozialschwachen Gebiet liegen. Viele Familien könnten schlicht nicht mehr bezahlen. Aber: Jugendliche und Erwachsene ab etwa 13 Jahren kosten uns durchschnittlich rund 200 Euro im Jahr.

"Wollen niemanden abweisen"

WDR: Wie setzen sich diese Kosten zusammen?

Strumpen: Diese Kosten entstehen durch: Energie, Versicherung, Schiedsrichter, Aufwandsentschädigung Trainer, Hausmeisterkosten, Reparaturen an der Infrastruktur. Jüngere Spieler sind günstiger, weil Schiedsrichter, Duschen, Flutlicht wegfallen. Wenn wir schlau wären, würden wir also vorwiegend Jüngere bei uns spielen lassen. Wir haben uns aber auf die Fahnen geschrieben, niemanden abzuweisen, der bei uns Fußball spielen möchte. Diesen sozialen Auftrag haben wir hier einfach. Also müssen wir Sponsoren besorgen, die uns ein wenig helfen. Und leider müssen wir uns ständig Gedanken darüber machen, ob wir den Beitrag nicht doch erhöhen müssen.

WDR: Bekommen Sie von den Eltern ihrer jungen Fußball-Kinder ausreichend Unterstützung beim Alltagsgeschäft im Verein? 

Strumpen: In unserer heutigen Gesellschaft bleibt offenbar den Eltern nicht mehr so viel Raum für ihre Kinder, weil sie mehr Zeit für ihre eigene Karriere investieren. Die Eltern begleiten und unterstützen ihre Kids weniger bei deren Sportaktivität. Bedeutet für uns als Verein: Samstags stehen unsere Trainer mit ihren zwei Autos allein da, wenn es darum geht, zum Auswärtsspiel zu fahren. Und das funktioniert dann nicht.

WDR: Was müsste getan werden, um wieder mehr Nachwuchs für den Fußball zu begeistern? 

Strumpen: DFB und Politik müssten dafür sorgen, dass die Amateurvereine auch finanziell viel stärker unterstützt werden. Dann könnte man als Verein mehr Übungsleiter auf Minijob-Basis beschäftigen, mehr Trainer qualifiziert ausbilden und sozial schwache Familien durch Beitragsfreiheit unterstützen.

WDR: Wo soll das Geld herkommen?

Strumpen: Für meine Begriffe zum Beispiel von den Prämien, die unseren Nationalspielern für Länderspiele gezahlt werden. Diese Leute sind ohnehin schon Millionäre und bekommen dazu noch Hunderttausende für ihre Länderspieleinsätze. Dieses Geld sollte eher in die Amateurvereine fließen. Gerade in unserem Einzugsbereich haben wir viele sozial schwache Familien, die ihre Kinder nicht zu uns schicken, weil sie die Mitgliedsbeiträge oder die Fußballausrüstung nicht bezahlen können. Fußballschuhe sind enorm teuer geworden und die Kids werden gemobbt, wenn sie keine Markenschuhe tragen. Aus Scham bleiben sie dann lieber weg. Diese Talente gehen dem deutschen Fußball verloren.

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Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 17.11.2021, 12:40