Widerstand im Fußballverband Mittelrhein - Vereine für Saisonabbruch

Clemens Wirtz

Widerstand im Fußballverband Mittelrhein - Vereine für Saisonabbruch

  • Der FVM möchte die Saison 2019/20 ab 1. September fortsetzen.
  • Viele Vereine wollen lieber einen Saisonabbruch und einen Neustart.
  • FC Hennef kristisiert Vorgehen des Fußballverbandes.

Anders als Niederrhein und Westfalen möchte der Fußballverband Mittelrhein (FVM) die Saison 2019/20 im Herbst unbedingt fortsetzen. Dagegen regt sich Widerstand in den Vereinen. Wie bei Mittelrheinligist FC Hennef. Dessen Präsident Clemens Wirtz erklärt im Interview, warum er für einen Abbruch der Spielzeit ist. Und was er am Vorgehen des FVM kritisiert.

Herr Wirtz, der Fußballverband Mittelrhein (FVM) um seinen Vorsitzenden Bernd Neuendorf tendiert klar und plakativ für eine Fortsetzung der Fußballsaison 2019/20 ab möglichst dem 1. September. Sie sind Vorsitzender des FC Hennef, einem großen Verein im FVM. Sind Sie auch für eine Fortsetzung der Spielzeit?

Clemens Wirtz: Wir sind klar für einen Abbruch der Saison 2019/20. Sobald wieder Fußball gespielt werden kann, sollte man mit einer neuen Lebens- und Spielzeit beginnen. Denn es ist ja klar: Wir haben es mit einer durch und durch "verseuchten" Saison 2019/20 zu tun, die von der Coronakrise geprägt ist. Die Spielzeit ist meines Erachtens leider nicht mehr zu retten. Darum sind wir für ein Ende mit Schrecken. Das ist besser, als die Saison irgendwie fortzusetzen und möglicherweise ein Schrecken ohne Ende bis weit in das Jahr 2021 zu ziehen.

Aber wie soll die sportliche Regelung aussehen? Wer soll aufsteigen und wer absteigen?

Wirtz: Es sollte einen Aufsteiger geben, aber keine Absteiger. Die Ligengrößen müssten für die kommende Saison angepasst werden. Wie die Aufsteiger ermittelt werden, da gibt es ja drei Möglichkeiten: 1. Wertung mit Tabellenstand am letzten ausgetragenen Spieltag. 2. Wertung nach Abschluss der Hinrunde. 3. Wertung zum Stand des Abbruchs plus anschliessende Koeffizientenberechnung, um die unterschiedliche Zahl von ausgetragenen Spielen zu nivellieren. Alle drei Möglichkeiten sind praktikabel und würden, so bin ich mir sicher, zumindest von den Vereinen mehrheitlich akzeptiert. Nach dem Motto: "Das ist immer noch die Beste aller schlechten möglichen Lösungen".

FVM-Präsident Bernd Neuendorf plädiert für die Fortsetzung der Saison

Sportschau 27.04.2020 03:41 Min. Verfügbar bis 27.04.2021 ARD


Der FVM will das auf keinen Fall, weil er rechtliche Auseinandersetzungen fürchtet. Können Sie die Sorge teilen?

Wirtz: Ja, das ist natürlich ein drohendes Szenario. Rechtliche Auseinandersetzungen drohen aber meines Erachtens auch im Fall eine Saisonfortführung. Klar ist, dass es bisher in der Verbands-Satzung keine Regelung über einen Saisonabbruch, hier jetzt auf Grund einer Pandemie, gab. Also muss man einen Verbandstag einberufen und eine Regelung festlegen. Und danach muss man eine Entscheidung treffen, die alle Vereine zu akzeptieren haben. Wenn man sich vor diesen Auseinandersetzungen fürchtet, ist man schlecht beraten. Angst ist immer ein schlechter Berater, wenn es um Entscheidungen geht.

Der FVM hat in der vergangenen Woche bei allen seinen Vereinen ein Meinungsbild zum Thema eingeholt. Das Ergebnis ging mit 50,14 Prozent knapp in Richtung Saison-Weiterführung. Die knappe Mehrheit der Vereine hat sich also in FVM-Richtung geschlagen. Für Sie akzeptabel?

Wirtz: Ich denke, dass die Einholung des Meinungsbildes nicht korrekt abgelaufen ist. Der Verband hat im Vorfeld der Abstimmung Videokonferenzen zur Information abgehalten, in dessen Anschluss man binnen drei Tagen (Montag - Mittwoch einschl.)  mit Saisonfortsetzung ja oder nein abstimmen sollte. In diesem Abstimmungszeitraum hat der FVM aber nachweislich aktiv mit Telefonaten bei den Vereinen für seine Richtung einer Saison-Fortsetzung geworben. Da fehlt mir die verbandsseitig gebotene Neutralität und Objektivität! Das ist für mich nicht akzeptabel.

Was würde eine Fortführung der Saison für einen Mittelrheinligisten wie ihren FC Hennef bedeuten?

Wirtz: Ich denke, dass wir als leistungsorientierter Verein mehr unter einer Fortführung der Saison leiden würden als Hobbyfußballer aus den unteren Kreisligen. Das ist bitte keineswegs abwertend gegenüber diesen Vereinen gemeint! Aber: bei uns geht es um Verträge und Spielberechtigungen. Der Verband liebäugelt auch mit der Entscheidung, bis möglicherweise nächsten Sommer keine Wechselfrist für Spieler mehr zuzulassen. Das würde für uns nicht funktionieren.

Wo lägen die Probleme?

Wirtz: Nur ein Beispiel: Wir verlieren jetzt im Sommer drei Spieler, die uns wegen eines Studiums und damit verbundenem Wohnortwechsel verlassen. Wir müssen und wollen diese drei Verluste auffangen. Entweder mit Jugendspielern aus unserem eigenen Lager oder mit Zugängen von außerhalb. Wenn es aber kein Wechselfenster gibt und die Jugendspieler noch ein weiteres Jahr A-Jugend spielen, haben wir keine Möglichkeit, unsere 1. Mannschaft zu komplettieren. Ziehen wir aber die Jungs aus der U19 hoch, wie sollen wir ohne "Wechelfenster" dann unsere U19 auffüllen? Immerhin befindet sich diese noch im Aufstiegrennen zur Bundesliga West. Das wäre wettbewerbsverzerrend.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 06.05.2020, 10:59