Widerspruch bei Corona: 800 im Konzertsaal - aber nur 300 beim Fußball

Das Müngersdorfer Stadion in Köln

Widerspruch bei Corona: 800 im Konzertsaal - aber nur 300 beim Fußball

Von Chaled Nahar

Im Dortmunder Konzerthaus haben 90 Musiker vor 800 Menschen in einem geschlossenen Raum auftreten dürfen. Der Profifußball in seinen großen Stadien bleibt in NRW dagegen auf 300 Menschen beschränkt - die Erklärung dieses Widerspruchs ist schwierig.

Abstand halten mussten die Zuhörerinnen und Zuhörer natürlich, als im Dortmunder Konzerthaus unter Leitung des Dirigenten Thomas Hengelbrock Haydns "Schöpfung" aufgeführt wurde. 800 Menschen durften in den Saal, 90 Künstlerinnen und Künstler kamen hinzu. Der Profifußball, der in den kommenden Wochen in die neue Saison starten will, darf nach der Coronaschutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen aber weiterhin maximal 300 Menschen zusammenbringen. Wie passt das zusammen?

Der Fußball soll auf eine Arbeitsgruppe der Staatskanzleien warten

Das Konzert wurde vom lokalen Gesundheitsamt genehmigt, weil Vorkehrungen im Rahmen eines Hygienekonzepts getroffen wurden. Vier Meter Mindestabstand zum Publikum mussten die Kunstschaffenden einhalten. Ein Belüftungssystem tauschte die Luft im Saal alle 20 Minuten aus. Statt der 1.550 Zuhörer war der Saal mit 800 Menschen nur zur Hälfte gefüllt.

Ihre Stadien zur Hälfte füllen, das würden die Fußball-Bundesligisten aus NRW wohl zu gerne. Doch für sie gilt: Mehr als 300 Menschen dürfen nicht ins Stadion. Der Kultur andere Möglichkeiten zu geben, sei das Ergebnis einer Abwägung, so das Landesgesundheitsministerium in Düsseldorf. Das Ministerium hatte auf WDR-Anfrage zudem klar gestellt, dass man in Sachen Bundesliga auf einen bundesweit einheitlichen Vorschlag warten wolle, den eine eigens eingesetzte Arbeitsgruppe aus den Chefs der Staatskanzleien der 16 Bundesländer vorlegen soll. Das war die Vereinbarung der Bund-Länder-Konferenz am 27. August 2020, zum 31. Oktober sollen die Ergebnisse der Arbeitsgruppe vorliegen.

Hygienekonzepte liegen längst vor

Ein Hygienekonzept ist laut der Coronaschutzverordnung bei Kulturveranstaltungen die Voraussetzung, um mehr als 300 Menschen zusammen zu bringen. Beim Sport bleibt die Grenze derzeit unverrückbar - trotz Hygienekonzepten, die bei den Bundesligisten längst vorliegen oder in Arbeit sind. Warum ist das so? "Weil der Fußball eine solche hohe Symbolkraft hat, brauchen wir eine Verständigung der 16 Länder", sagte Ministerpräsident Armin Laschet am Freitag (04.09.2020) in einer Pressekonferenz. Die bundesweite Lösung soll also her.

Möglicherweise wird diese Argumentation nicht lange zu halten sein. "Die Landesregierung muss die Coronaschutzverordnung verändern, die lokalen Gesundheitsbehörden sind darauf angewiesen", sagte Alexander Wehrle, der Geschäftsführer beim 1. FC Köln und Präsidiumsmitglied der Deutschen Fußball-Liga ist. Er nannte damit die Voraussetzung, die beispielsweise das Gesundheitsamt Köln bräuchte, um dem FC Spiele vor mehr als 300 Menschen zu genehmigen. Und dann wären natürlich auch in Bielefeld, Schalke, Dortmund, Mönchengladbach oder Leverkusen höhere Zuschauerzahlen möglich.

Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke erhöhte in der WAZ ebenfalls den Druck. "Ich finde, dass eine Teilzulassung von Zuschauern deutlich früher als erst im November möglich wäre", sagte er demnach.

Laschet stellt kürzere Wartezeit in Aussicht

Dass die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen diesem Drängen des Fußballs nachgeben wird, erscheint nicht nur wegen des Konzerts in Dortmund naheliegend. Denn in Sachsen, wo nach jetzigem Stand beim Leipziger Bundesligaspiel gegen Mainz am 20. September 8.500 Fans ins Stadion kommen dürfen, fühlt man sich nicht angehalten, auf bundesweite Verständigungen zu warten. Auch in Berlin dürfen im Rahmen der dortigen Schutzverordnung nach aktueller Planung 5.000 Menschen bei einem Spiel von Hertha BSC ins Olympiastadion.

Laschet will aber, wie er zumindest am Freitag sagte, genau auf diese Verständigung warten. Dass das wirklich bis zum 31. Oktober dauert, lässt Laschet allerdings betont offen: An der Verständigung werde "so gearbeitet, dass man das auch zeitnah beantworten kann".

Stand: 04.09.2020, 14:30