Als "Borussia Schalke" ein neues Wir-Gefühl schuf

Zwei Fußballfans bei einer Flasche Bier im Gespräch vor einer Gartenlaube im Jahr 1998, die mit Logos der verfeindeten Mannschaften BVB und Schalke geziert ist

Vor dem Revierderby

Als "Borussia Schalke" ein neues Wir-Gefühl schuf

Von Thorsten Rosenberg

  • Zwei Europapokal-Titel sorgten für Wir-Gefühl im Pott
  • Fans skandierten in den Stadien "Ruhrpott, Ruhrpott"
  • Dortmunder und Schalker drückten sich gegenseitig die Daumen

Immer mehr Stahlarbeiter und Kohlekumpel ohne Arbeit, die ganze Landschaft im Strukturwandel: Um die Stimmung im Ruhrgebiet war es in den 90er Jahren nicht zum Besten bestellt. Doch dann mischten zwei Klubs aus dem Herzen des Potts Europa auf und schufen ein neues "Wir"-Gefühl.

Selbst der damalige Bayern-Präsident Franz Beckenbauer ließ sich zu der Aussage hinreissen, das Herz des deutschen Fußballs schlage jetzt im Ruhr-Gebiet. Zwei Klubs aus NRW hatten gerade unglaubliches geleistet. Zunächst gewann Schalke 04 - in der Liga gerade einmal auf Rang zwölf - den Uefa-Pokal.

Fußballer mit Pokal im offenen Wagen vor Schrifttafel: Der Pott ist im Pott

Der Autokorso im Gelsenkirchener Parkstadion mit Trainer Huub Stevens und Manager Rudi Assauer an der Spitze.

Das 1:0 aus dem Hinspiel hatte die Star-Truppe von Inter Mailand im Rückspiel in San Siro zwar ausgleichen können. Das Elfmeterschießen entschieden die Schalker aber für sich. Die Dortmunder freuten sich für den ewigen Rivalen. "Ich denke, dass der Schalke-Erfolg im Uefa-Pokal auch zu einem Schub für uns werden kann," hatte BVB-Manager Michael Meier vor dem Champions-League-Finale verkündet, in dem seine Dortmunder Borussia nur eine Woche später auf die teure Künstlertruppe von Juventus Turin traf - und 3:1 gewann.

Lars Ricken (li., BVB) trifft mit einem sensationellem Heber zum 3:1

Lars Ricken (li., BVB) trifft mit einem sensationellem Heber zum 3:1

Legendär, wie Lars Ricken nur fünf Sekunden nach seiner Einwechslung mit einem frechen 20-Meter-Lupfer zur Vorentscheidung traf. Kraft, Einsatz und Siegeswille - Eigenschaften, mit denen sich die Menschen im Pott identifizieren konnten, hatte zweimal die Luxusteams aus Italien in ihre Schranken verwiesen. "Ruhrpott, Ruhrpott", skandierten sowohl die Schalker als auch die Dortmunder Fans als Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses.

Die Erfolge von S04 und BVB sowie die kurze Zeit später folgende Uefa-Cup-Qualifikation des VfL Bochum hatte auch außerhalb des Reviers für einige Stilblüten gesorgt. "Borussia Schalke" hatte etwa die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" einen Beitrag betitelt, der über das "Revier im Wir-Gefühl" berichtete.

TV-Teams besuchten Kneipen, in denen sich königsblau und schwarz-gelb gekleidete Fans gemeinsam über die Erfolge ihrer Klubs freuten. "Der Spiegel" berichtete von einem Abend im "Stolleneck" in der Dortmunder Nordstadt am Abend des Schalker Triumphs: "Über dem Tresen spannt sich ein meterlanger Borussia-Schal, darunter hängt ein Bild des Jungmillionärs Andreas Möller im schwarz-gelben Trikot. Doch aus dem Kasten an der Wand dröhnt es: 'Steh auf, wenn du ein Schalker bist.'"

"Sind eben auch Malocher"

Zu Wort kommen zwei Fans, die ausdrücken, was zwischen Kamp-Lintford und Unna sehr viele Menschen empfanden: Früher da sei die Luft zwar schlechter gewesen, aber alles irgendwie besser. Den Schalkern gehe es ähnlich. "Die sind eben auch Malocher."

Stand: 05.12.2018, 19:03