Maurice Exslager - "Profifußball interessiert mich nicht mehr"

Kölns Maurice Exslager jubelt.

Maurice Exslager - "Profifußball interessiert mich nicht mehr"

"Hooligan" wurde der Bocholter Maurice Exslager von den Profi-Kollegen genannt. Heute arbeitet der ehemalige Stürmer hinter dem Schreibtisch und kickt im Amateurbereich. Dem Profifußball weine er keine Träne nach, sagt er.

Der 1991 in Bocholt geborene Exslager begann seine Profikarriere beim MSV Duisburg. 2011 erreichte er mit dem MSV das DFB-Pokalfinale in Berlin, das gegen den FC Schalke 04 mit 0:5 verloren ging. Exslager, der anschließend noch für den 1. FC Köln, Darmstadt 98, den 1. FC Magdeburg und Fortuna Köln spielte, war aufgrund seines kämpferischen Fußballstils bei allen seinen Klubs Publikumsliebling. Heute spielt er Amateurfußball in der 2. Mannschaft des 1. FC Bocholt in der Bezirksliga.

WDR: Maurice Exslager, Sie haben ihre Profikarriere schon mit 28 Jahren beendet. Warum?

Maurice Exslager: Ich war nach zehn Jahren als Fußballprofi gerade mit Fortuna Köln aus der 3. Liga abgestiegen, hatte zwei Kreuzbandrisse auskuriert und mein Vertrag lief aus. Mein Berater hat mir zwar Möglichkeiten bei ein paar Vereinen angeboten, aber ich hatte plötzlich das Gefühl: es reicht. Ich wollte mich lieber um das ‚Leben danach‘ kümmern. Um meine Familie und eine berufliche Perspektive nach dem Profifußball. Schließlich hat man als Profi meiner Preisklasse nach der aktiven Karriere ja noch lange nicht finanziell ausgesorgt.

WDR: Welche berufliche Perspektive bot sich?

Maurice Exslager

"Kann nicht allen helfen" - Maurice Exslager

Exslager: Ich bin erstmal zurück in meinen Heimatort Bocholt und habe mich da beim 1. FC Bocholt angemeldet. Oberliga. Natürlich auch ein bisschen in der Hoffnung, dass mir der Verein bei einem beruflichen Neustart ein bisschen helfen kann. Das hat sich aber nicht ergeben. Stattdessen bekam ich die Möglichkeit, bei einem großen Vermögensberater einzusteigen. Das passte gut zu mir, denn ich konnte mir meine Zeit selber einteilen und war mein eigener Herr. Nach recht kurzer Zeit konnte ich in Essen eine eigene Geschäftsstelle eröffnen.

"Geht mir zuviel um Geld und Geschäfte"

WDR: Haben Sie noch intensiv mit der Szene des Profifußballs zu tun?

Exslager: Nein, ich hab da kaum noch Kontakte. Der Profifußball von heute interessiert mich auch nicht mehr so. Da geht es mir in der Szene viel zu viel nur noch um Geld und Geschäfte. Berater kassieren ab, Trainer stellen Spieler nicht nach Leistung sondern nach dem Namen ihres Beraters auf. Die Jungs werden wild herumtransferiert, manche Vereine haben fast nur noch Spieler, die sie irgendwo ausgeliehen haben. Kein Wunder, dass die Identifikation der Spieler mit dem Verein, für den sie gerade unterwegs sind, kaum noch da ist.

WDR: Von Ihren Kollegen wurden sie ‚Hooligan‘ genannt. Zufrieden mit diesem Spitznamen?

Maurice Exslager

Exslager (r.) im Trikot des MSV Duisburg

Exslager: Ich habe auf dem Platz immer alles gegeben, war ein sehr kämpferischer Typ. Vielleicht 'positiv bekloppt‘. Passt also, der Spitzname. Die Identifikation mit meinem Verein war aber immer das, was mich im Fußball zu Leistungen angetrieben hat. Schade, dass das verloren gegangen ist. Die Nachwuchsleistungszentren der Profivereine sind in dieser Beziehung auch so ein Problem.

Kritik an Nachwuchsleistungszentren

WDR: Was ist an den NLZs problematisch?

Exslager: Vieles. Die jungen Leute kommen da mit 12 oder 13 Jahren rein und werden komplett versorgt. Die brauchen sich um nichts mehr selbst zu kümmern, alles läuft scheinbar wie am Schnürchen. Nur: Die wenigsten werden später tatsächlich Profi und können vom Fußball leben. Die anderen fallen durch das Raster und haben dann kaum Perspektive. Weil sie auch kaum gelernt haben, mit dem 'echten Leben' umzugehen.

WDR: In einem NLZ wird man heutzutage als junger Fußballer aber optimal ausgebildet. Was verpasst man dort?

Maurice Exslager

"Identifikation ist wichtig" - Exslager zu Beginn seiner Profikarriere

Exslager: Die Ausbildung als Mensch. Ich habe mit 16 noch auf einem Aschenplatz gelernt, mich durchzusetzen. Ich habe auf der Straße gelernt, einzustecken, auch mit Lebenstiefpunkten klarzukommen. Das hat mich geprägt. Dadurch wurde ich kämpferisch. Und in meinen Augen gehört es auch dazu, als Jugendlicher mal über die Stränge zu schlagen. Mal auszugehen, Alkoholerfahrungen zu machen, dummes Zeug anzustellen. Diese Erfahrungen verpassen die Jungs im NLZ. Wenn sie es dann im fortgeschrittenen Aller nachholen wollen, ist das der falsche Zeitpunkt. Denn dann sollte man sich wirklich auf nichts anderes mehr als Fußball fokussieren, wenn man wirklich Profi werden möchte.

WDR: Profifußball ist zu einem großen Geschäft geworden. Bei dem die Spieler aber auch eine Menge Geld verdienen können…

Exslager: Ja, einige, aber lange nicht alle. Ich habe bei mir auch ehemalige Fußballspieler der 3. oder 4. Liga. Die haben nach dem 10. Schuljahr nur noch auf Fußball gesetzt und nichts Anderes gemacht. Die kommen dann mit 34 oder 35 in mein Büro und fragen mich: 'Maurice, was soll ich jetzt machen?‘. Und das ist dann schwierig. Einigen kann ich helfen. Anderen aber auch nicht.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

(Im kürzlich erschienen Buch "Kampf ums runde Leder" hat Autor Dustin Paczulla rund 60 Interviews mit Spielern, Trainern und Funktionären aus dem Fußball-Business geführt. U.a. auch mit Maurice Exslager.)

Krise im Amateurfußball 02:13 Min. Verfügbar bis 11.03.2022

Stand: 11.11.2021, 08:40