Europa League - Leverkusen wankt mal wieder

Leverkusens Jeremie Frimpong (l.) und Jonathan Tah

Europa League - Leverkusen wankt mal wieder

Nach dem wilden 3:4 bei Young Boys Bern hat Bayer Leverkusen in der Europa League noch alle Chancen aufs Weiterkommen. Doch vor allem der Auftritt in der ersten Halbzeit verstärkt die Zweifel an der Verfassung des Teams vor den entscheidenden Wochen der Saison.

Das Berner Wankdorf-Stadion hat im deutschen Fußball immer noch einen besonderen Klang. "Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion, keiner wankt" - ist eins der berühmten Zitate aus der Reportage über das WM-Finale 1954, als sich die deutsche Mannschaft dem Dauerregen und dem Dauerdruck der Ungarn entgegenstemmte. Was Bayer Leverkusen am Donnerstagabend (18.12.2021) an gleicher Stätte zeigte, zumindest im ersten Durchgang beim 3:4 gegen die Young Boys Bern, war aber beim besten Willen kein Wanken mehr: Eher wurde die Werkself weggespült, wie von einer Lawine im nahen Berner Oberland.

Bosz über Leverkusens Abwehrverhalten: "Amateurhaft"

Zwei Gegentore nach einem Eckball und Kollektiv-Blackout in Leverkusens Abwehr, gefolgt von einem weiteren dramatischen Aussetzer führten vor der Pause zu einem 0:3-Rückstand. Dank einer deutlichen Leistungssteigerung nach dem Seitenwechsel und einer fast surreal wirkenden Aufholjagd, angesichts des fragwürdigen Auftritts in der ersten Hälfte, hat Bayer 04 zwar noch Chancen aufs Weiterkommen in der Europa League. Allerdings braucht es dafür definitiv einen Sieg im Rückspiel am kommenden Donnerstag in der BayArena, auch weil die Abwehr kurz vor dem Ende dieses wilden Spiels im Wankdorf ein letztes Mal schlummerte und Berns Jordan Siebatcheu zum 4:3-Siegtreffer abstauben konnte.

Leverkusens Coach Peter Bosz fand im Anschluss deutliche Worte. Vor allem über die Leistung in der ersten Halbzeit, die geeignet war, dass "man heute lieber kein Trainer von Bayer 04 sein wollte", sagte Bosz und nannte das Defensivverhalten seines Teams "amateurhaft". Die Verantwortung dafür nahm er auf die eigene Kappe. "Es muss so sein, dass ich die Mannschaft schlecht vorbereitet habe. Sonst fangen wir nicht so schlecht an."

Leverkusen kassiert Pleite beim Hinspiel in Bern

Sportschau 18.02.2021 00:41 Min. Verfügbar bis 18.02.2022 ARD


An den sieben Änderungen in der Startelf habe es aber nicht gelegen, betonte Bosz. Die Wechsel seien lediglich auf den Positionen erfolgt. In der Tat müsste Bayers Kader dies aushalten, ohne gleich einen kompletten Verlust der Kontrolle und Balance zu erleiden. Und doch waren es vor allem die Korrekturen des Trainers, der zur Pause taktisch auf ein 3-4-3 umstellte, mit einem zusätzlichen Innenverteidiger, die Bayer 04 am Ende noch ein brauchbares Ergebnis fürs Rückspiel bescherten.

Negativserie bei Bayer 04

Insgesamt aber dürfte das Spiel in Bern die Selbstzweifel der Leverkusener noch verstärkt haben. Schon nach dem schwer erklärlichen 2:2 nach 2:0-Führung gegen Abstiegskandidat Mainz hatte Bosz vom "schlechtesten Spiel" seiner Amtszeit gesprochen, um nun in Bern zerknirscht festzustellen: "Wir haben gezeigt, dass es noch schlechter möglich ist."

Die Tendenz zeigt bei Bayer, abgesehen von zwei Glanzauftritten gegen den BVB und Stuttgart, seit dem Jahreswechsel jedenfalls nach unten. Nach der 3:4-Pleite in Bern schleppt Bayer aktuell eine Negativserie von nur zwei Siegen aus elf Pflichtspielen mit sich herum - zu wenig für Leverkusens Ambitionen, zum ungünstigsten Zeitpunkt der Saison, die vor den entscheidenden Wochen steht.

Bangen um die Champions-League-Qualifikation

Dies weckt ungute Erinnerungen: Schon in der Vorsaison verschenkte Leverkusen am letzten Spieltag die sicher geglaubte Eintrittskarte für die Champions League an Mönchengladbach. Die Konstanz aus der Hinrunde, als Leverkusen zwischenzeitlich als härtester Bayern-Jäger galt, ist jedenfalls wie weggeblasen.

Die Verantwortlichen bei Bayer 04 sollen grundsätzlich hinter dem geradlinigen und sympathischen Offensiv-Verfechter Bosz stehen. Dennoch: Nach der Pokal-Blamage bei Viertligist Rot-Weiss Essen und dem Absturz in der Liga werden Club-Boss Fernando Carro und Sportchef Rudi Völler nicht tatenlos zusehen, wie Bayer womöglich alle Saisonziele gefährdet. Mindestens die Champions-League-Qualifikation muss Bosz liefern, ein Aus in einer Woche gegen Bern könnte ihn tatsächlich in akute Erklärungsnot bringen.

Tah: "Fühlen uns an der Ehre gepackt"

Der direkte Weg zum Millionenspiel in der Königsklasse führt aber weiter über die Bundesliga, dort kann Bayer 04 am Sonntag (13.30 Uhr) beim den FC Augsburg die Trendwende einläuten.

Leverkusens Nationalspieler Jonathan Tah wertete die Aufholjagd von Bern als gutes Zeichen: "In der Halbzeit musste sich jeder Einzelne von uns an der Ehre gepackt fühlen", sagte Tah. Das Team habe "gezeigt, dass wir eine Mannschaft sind".

Statistik

Fußball · UEFA Europa League 2020/2021

Donnerstag, 18.02.2021 | 18.55 Uhr

Wappen Young Boys Bern

Young Boys Bern

Von Ballmoos – Hefti, Lustenberger, Zesiger, Lefort (74. Sulejmani) – Aebischer, Lauper (81. Rieder) – Fassnacht (80. Gaudino), Ngamaleu (57. U. Garcia) – Elia (74. Mambimbi), Siebatcheu

4
Wappen Bayer 04 Leverkusen

Bayer 04 Leverkusen

Lomb – Frimpong, Tah, Dragovic, Sinkgraven – Demirbay – Amiri (46. Tapsoba), Wirtz – Bailey (65. Diaby), Schick, Gray

3

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Fassnacht (3.)
  • 2:0 Siebatcheu (19.)
  • 3:0 Elia (44.)
  • 3:1 Schick (49.)
  • 3:2 Schick (52.)
  • 3:3 Diaby (68.)
  • 4:3 Siebatcheu (89.)

Strafen:

  • gelbe Karte Lefort (1 )
  • gelbe Karte Sinkgraven (1 )

Schiedsrichter:

  • Antonio Mateu Lahoz (Spanien)

Vorkommnisse:

  • Das Spiel fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Stand der Statistik: Donnerstag, 18.02.2021, 21:41 Uhr

red/sid/dpa | Stand: 19.02.2021, 11:30