Thomas Reis, Trainer des Fußball-Bundesligisten VfL Bochum, hat beim Training gute Laune

VfL Bochum: Neuerfindung mit Reis'schem Realismus

Stand: 31.07.2022, 08:00 Uhr

Auf ein Neues: Der VfL Bochum plant wieder den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga. Manche schreiben den VfL als ersten Absteiger ab, doch Bochum darf auch selbstbewusst sein.

Von Julian Tilders

Dass auch die kommende Bundesliga-Saison ein Traum in Blau und Weiß wird, erwartet nicht jeder beim Fußballklub VfL Bochum. Trainer Thomas Reis verordnet dem VfL einen gesunden Realismus. Und peilt mit seinem neu zusammengestellten Team durch harte Arbeit das "dritte Wunder" an der Castroper Straße an.

So lief die letzte Saison: Ein Traum in Blau und Weiß

Dass die VfL-Fans nicht immer noch siegestrunken über den Stadionvorplatz pilgern, mag höchstens der natürlich schwindenden Ausdauer des Anhangs geschuldet sein. Denn der Stolz über das Erreichte ist in Bochum unverändert groß. Klassenerhalt! Und wie. Der VfL Bochum erarbeitete sich nicht nur Respekt, sondern sorgte für echte Sternstunden.

Eine davon war eben der Sieg zum Klassenerhalt, ein 4:3-Coup über Revierrivale Borussia Dortmund zwei Spieltage vor Schluss. In der Partynacht danach wurde Danny Blum mit einem "Derbysieger oder watt"-Shirt gesichtet, was das neugefundene Selbstbewusstsein im Pott nach elf Jahren in der 2. Bundesliga gut widerspiegelte.

Und es lief beim Ruhrpottklub von der Castroper Straße auch gegen andere Große. Bayern München rieb sich am 22. Spieltag die Augen, als der VfL den Bayern eine schmerzhafte 2:4-Pleite im Ruhrstadion verpasste. Die Traumtore von Cristian Gamboa und Gerrit Holtmann setzten der Revanche für das 0:7 des VfL in München im Hinspiel die Krone auf.

"Was ist das denn für ein Tor!" Tor-Collage Bochum gegen Bayern

Sportschau 12.02.2022 00:34 Min. Verfügbar bis 12.02.2023 ARD


Ohnehin hätte der VfL in der letzten Saison auch ein Bundesligateam im Kunstschießen stellen können. Kapitän dieser Elf wäre wohl Milos Pantovic gewesen, der gegen Hoffenheim und Freiburg aus jeweils großer Entfernung traf (66 und 45 Meter). Aber auch Holtmann beeindruckte nicht nur mit seinem Schlenzer gegen die Bayern, sondern auch mit dem Solo zum Tor des Jahres. Zum VfL-Spieler der Saison wählten die Fans ihren sicheren Rückhalt: Torwart Manuel Riemann.

Spektakulärer Sololauf von Bochums Holtmann ist das Tor des Jahres 2021

Sportschau 30.01.2022 03:59 Min. Verfügbar bis 30.01.2023 Das Erste

Transfers: Umbruch und "nie dagewesene Dimensionen"

Auf der 15 Namen fassenden Abgangsliste stehen unter anderem in Verteidiger Maxim Leitsch (Mainz), Distanztor-Spezialist Pantovic (Union Berlin) und Stürmer Sebastian Polter (Schalke) - allesamt feste Größen der letzten Saison. Zudem endeten die Leihen von Elvis Rexhbecaj (Wolfsburg) und Eduard Löwen (Hertha BSC).

Der Abgang mit der größten Strahlkraft war aber sicherlich Armel Bella-Kotchap. Der 20-Jährige zeigte in 26 Einsätzen in Liga und Pokal sein großes Defensivtalent und weckte Begierde in Großbritannien. Der FC Southampton schlug zu, überwies eine zweistellige Millionenablöse - ganz neue finanzielle und "nie dagewesene Dimensionen" (Sportchef Sebastian Schindzielorz) für den VfL.

Und dieses Geld gab der VfL nicht direkt wieder aus. Nur für Offensivmann Philipp Förster (Stuttgart) und den bereits ausgeliehenen Linksverteidiger Konstantinos Stafylidis (Hoffenheim) legte Schindzielorz einige Hunderttausend Euro auf den Tisch. Verteidiger Ivan Ordets (Dinamo Moskau/Russland) wurde ausgeliehen, genau wie Rechtsverteidiger Saidy Janko (Valladolid/Spanien).

Bochums Philipp Hofmann im Testspiel gegen Antalyaspor

Bochums neuer Stürmer Philipp Hofmann gestikuliert im Test gegen Antalyaspor.

Ablösefrei kam unter anderem als Polter-Ersatz Philipp Hofmann, der in der letzten Zweitliga-Saison für Karlsruhe 19 Tore erzielte. Auch Jannes Horn (Köln), Kevin Stöger (Mainz) und Defensivtalent Jordi Osei-Tutu (FC Arsenal U21) kosteten keine Ablöse. Und Sport-Geschäftsführer Schindzielorz betonte: "Es wird sicherlich noch etwas passieren."

Der Mann, der die bisherigen zwölf Zugänge verantwortet, wird den VfL zum Ende des Jahres verlassen: Schindzielorz kündigte Ende Mai seinen Vertrag fristgerecht. Sein Finanz-Pendant Ilja Kaenzig bleibt an Bord.

Der Trainer: Thomas Reis verordnet Bochum Realismus

Thomas Reis formte mit seiner emotionalen und fachlich kompetenten Führung aus einer Bande verschiedener Charaktere eine konkurrenzfähige Bundesligatruppe, die die Großen ärgerte. Viel ändert sich an der Aufgabenstellung für den 48-Jährigen, der seit Spätsommer 2019 in Bochum ist, nun nicht.

Nach dem Aufstieg und Klassenerhalt in der Folgesaison zähle erneut nur der Nicht-Abstieg. "Wir müssen realistisch bleiben. Wir wissen, dass wir das kleinste Budget haben. Wir haben eine komplett neue Mannschaft, da wir sehr viel Spielerpersonal verloren haben", sagte Reis.

Vorstandsvorsitzender Hans-Peter Villis (l.) und Geschäftsführer Ilja Kaenzig vom VfL Bochum

Bochums Vorstandsboss Hans-Peter Villis (l.) steht im Trainingslager neben Finanz-Geschäftsführer Ilja Kaenzig.

Der Klub plant langfristig mit Reis: Es laufen finale Gespräche über die Verlängerung des Arbeitspapiers über 2023 hinaus. Bei der Suche nach einem Nachfolger für Schindzielorz will die Vereinsführung Reis nicht übergehen, erklärte Bochums Vorstandsboss Hans-Peter Villis den "Ruhr Nachrichten": "Wir haben ihm ganz klar signalisiert, dass niemand kommen wird, der ganz andere Vorstellungen davon hat, wie wir Fußball spielen wollen."

Erwartungen an die Saison: Das "dritte Wunder" soll her

Der Trainer erwartet nach eigener Aussage ein "brutal schweres Jahr". Das ist weniger der Binsenweisheit geschuldet, dass das zweite Jahr für einen Aufsteiger immer schwer ist. Vielmehr geht es dabei um den Reis'schem Realismus. "Wir wollen am dritten Wunder arbeiten", erklärte er. Schindzielorz schlug in dieselbe Kerbe, zeigte sich aber auch selbstbewusst: "Es ist mir relativ egal, wer uns als Abstiegskandidat Nummer eins sieht, und wer nicht."

Damit es mit dem zweiten Klassenerhalt im zweiten Jahr nach dem Aufstieg klappt, werden sich Reis und seine Mannschaft wieder einmal neu erfinden müssen. "Ich will das Spiel gegen Antalyaspor nicht überbewerten", kommentierte Reis den jüngsten 6:2-Testspielsieg über den türkischen Erstligisten zum Abschluss der Vorbereitung. "Aber man hat gesehen, dass wir auf einem guten Weg sind. Die neuen Spieler müssen sich immer erst an die neue Spielweise gewöhnen."

Und dann wird sich herausstellen, ob die vielen Abgänge für den Arbeiterklub sportlich ein Hals-, Bein- oder Fußbruch sind. Oder doch nur eine schnell abschwellende Prellung.