Gladbach nach Freiburg-Debakel

Borussia Mönchengladbach - Zwischen Weltklasse und Arbeitsverweigerung

Von Christian Hornung (Mönchengladbach)

Borussia Mönchengladbach ist die Wundertüte der Saison: Glanzlichtern wie im Pokal gegen Bayern steht das Komplettversagen gegen Freiburg gegenüber. Was sind die Gründe - und wie geht's weiter mit Trainer Hütter?

Es waren rund 70 Minuten gespielt, als Christoph Daum vor der Westtribüne am Bökelberg, wo inzwischen Luxushäuser stehen, Stürmer Erik Meijer zu sich heranwinkte. Bayer Leverkusen führte im Oktober 1998 in Mönchengladbach mit 8:2, und Daum war offenbar der Meinung, dass das jetzt genug der Demütigung sei.

Der Bayer-Trainer, der Dreifach-Torschütze Ulf Kirsten netterweise auch schon nach 52 Minuten ausgewechselt hatte, machte mit seinen beiden nach unten wippenden Händen eine Geste der Beruhigung. Lasst es gut sein jetzt, sechs Tore Unterschied reichen.

"Spielt das seriös zu Ende"

Sechs Tore Unterschied in Gladbach. Dazu brauchte der SC Freiburg am 5. Dezember 2021 nur 36 Minuten. Diesmal war es Christian Streich, der in der Halbzeit beruhigend auf seine Spieler einwirkte. Er gab nicht das Ziel aus, jetzt auch noch auf das siebte, achte oder neunte Tor zu gehen, er sagte seinen Schützlingen: "Spielt das jetzt seriös zu Ende. Aber passt auf, dass Gladbach nach der Pause nicht nochmal zurückkommt, man hat im Fußball ja schon alles gesehen."

Untaugliche Versuche von Bensebaini und Koné

Die Bedenken von Streich, sollte er sie wirklich gehabt haben, erwiesen sich sehr schnell als unbegründet. Gladbach war an diesem Abend sportlich und gedanklich nicht in der Lage, auch nur ansatzweise Comeback-Qualitäten zu zeigen.

Sechs Tore in 37 Minuten: Freiburg zerlegt Gladbach Sportschau 06.12.2021 09:31 Min. Verfügbar bis 30.06.2022 Das Erste Von Jürgen Bergener

Untaugliche Versuche, irgendwie Einsatz vorzugaukeln, mündeten schon in der ersten Halbzeit in zwei brutalen Fouls, die für Ramy Bensebaini (15. Minute) und Manu Koné (24.) statt der Gelben auch Rote Karten hätten nach sich ziehen können.

Immerhin: An Selbstkritik fehlte es den Gladbachern nach ihrem geschichtsträchtigen Desaster nicht. Trainer Adi Hütter sprach am Sportschau-Mikrofon davon, dass man sich für diesen ungenügenden Auftritt "entschuldigen" müsse. Nationalspieler Jonas Hofmann hatte "teilweise Arbeitsverweigerung" sowie "völlige Naivität" erkannt. Manager Max Eberl sprach von "einem aufgescheuchten Hühnerhaufen" und Patrick Herrmann analysierte: "Wir haben eine absolute Scheiße und Katastrophe gespielt."

Fassungslos: Vize-Kapitän Yann Sommer und Kapitän Lars Stindl | Bildquelle: imago images/Team 2

Trotz oder wegen der Jahrhundert-Gala

Arbeitsverweigerung, Hühnerhaufen, Scheiße, Katastrophe. Und das gerade mal fünf Wochen nach dem Jahrhundertauftritt gegen Bayern München. Da hatten die Borussen den Rekordmeister und Rekordpokalsieger mit 5:0 aus dem Pokal befördert, Robert Lewandowski, Leroy Sané und Thomas Müller völlig neutralisiert und Julian Nagelsmann in der heimischen Corona-Küche an den Rand der Verzweiflung getrieben, wie der später zugab.

Ein 0:6 gegen Freiburg trotz eines 5:0 gegen Bayern. Oder wegen? "Wir müssen uns jetzt messen lassen an so einem Spiel", hatte Hütter nach dem Sieg gegen Bayern gefordert. Die Pokal-Gala hat ganz offensichtlich bei einigen Gladbacher Spielern zu der Auffassung geführt, dass die Tabelle (Gladbach ist 13.) doch ziemlich lügt und man spielerisch eher im Regal der ganz Großen zu finden sei.

Der junge Koné beispielsweise, eine der größten Entdeckungen dieser Saison, spielt seit seiner grandiosen Leistung gegen die Bayern auffällig mehr mit der Hacke und versucht sich an Zidane-Übersteigern - sogar beim Stand von 0:6 gegen Freiburg.

Gladbach geht gegen Freiburg unter: Die Audio-Highlights Sportschau 05.12.2021 03:05 Min. Verfügbar bis 05.12.2022 ARD Von Burkhard Hupe

Viele ungeklärte Zukunftsfragen

Dass das bittere 1:4 im Derby gegen Köln nur eine Woche vorher nicht schon Warnung genug war, erstaunt auch Hütter. "Die Trainingswoche war sehr gut", sagte er, als sportschau.de ihn auf die verschiedenen Gesichter seiner Mannschaft anspricht. "Und wir haben auch Standards trainiert." Die Gegentore drei bis sechs resultierten dann aber aus ruhenden Bällen, was Eberl später als eine Frage der "fehlenden Bereitschaft" kritisierte.

Ganz sicher nicht förderlich, auch für das Klima in der Kabine, ist die Tatsache, dass eine ganze Reihe von Gladbachern derzeit sehr intensiv mit der persönlichen Zukunftsplanung befasst sind.

Winterwechsel bei Zakaria und Thuram möglich

Eberl hat es nicht geschafft, die im Sommer auslaufenden Verträge von Matthias Ginter und Denis Zakaria rechtzeitig zu verlängern. Wenn er also nochmal Ablöse mit diesen beiden Hochkarätern verdienen will, ginge das nur im kommenden Winter-Transferfenster.

Jonas Hofmann: "Noch nie so ein Spiel erlebt" Sportschau 05.12.2021 03:24 Min. Verfügbar bis 05.12.2022 Das Erste

Bei Marcus Thuram gab es zu Saisonbeginn bereits einen vollständig ausgehandelten Deal mit Inter Mailand samt Ablöse über 37 Millionen Euro, den erst die Verletzung des Franzosen beim 0:4 in Leverkusen doch noch platzen ließ.

Neben Thuram wirkt auch Alassane Plea chronisch auf dem Sprung (Richtung Premier League), seine Auswechslung gegen Freiburg nach nur 29 Minuten dürfte ein Bruch im Verhältnis zu Hütter sein.

Neuhaus nicht mal eingewechselt

Nationalspieler Florian Neuhaus, an dem Bundestrainer Hansi Flick trotz seines Reservistendaseins im Verein bisher festhält, wurde gegen Freiburg ebenso wie Ex-Weltmeister Christoph Kramer nicht mal eingewechselt.

Neuhaus hatte eine Mannschaft beim Derby in Köln mit einem Fehlpass vor dem 1:2 auf die Verliererstraße gebracht. Mit ihm kann Hütter seit Wochen nicht mehr viel anfangen, der Trainer erinnerte in dieser Personalie sogar schon mal öffentlich an das "Leistungsprinzip": Auch bei Neuhaus ist ein Winterwechsel nicht völlig auszuschließen.

Dass der 1:10-Tore-Einbruch binnen acht Tagen auch etwas mit dem Trainer selbst zu tun hat, verneint Jonas Hofmann vehement: "nullkommanull". Hütter selbst nahm sich nach dem Freiburg-Spiel zwar auch selbst "mit ins Boot", wurde bei seinem Anteil an dem Resultat aber nicht konkret.

Gladbach gegen Freiburg - Ein Spiel für die Geschichtsbücher Sportschau 06.12.2021 01:18 Min. Verfügbar bis 06.12.2022 ARD Von Marc Eschweiler

Trainerfrage? "Absurd"

Sorgenvoll und ungläubig: Adi Hütter bei der Pleite gegen Freiburg | Bildquelle: imago images/Jan Huebner

Sportschau.de sprach Eberl anschließend auf die Trainerfrage an. Der für seine ruhige Hand bekannte Sportdirektor ging sofort in den Angriffsmodus über. "Absurd" sei es, dieses Thema jetzt anzubringen. "Wenn man sich nach zwei Niederlagen schon mit so etwas beschäfitgen muss und hier so schnell alles in Frage gestellt wird, dann ist das nicht mehr der Fußball, mit dem ich mich identifizieren kann. Wir haben hier für etwas entschieden und gehen einen gemeinsamen Weg."

Der Gladbacher Weg von 2:8-Trainer Friedel Rausch aus dem Jahr 1998 endete übrigens zehn Tage nach dieser bisher höchsten Heimniederlage in der VfL-Geschichte, es hatte gleich anschließend noch ein 1:7 in Wolfsburg gegeben. Welche Lehren Adi Hütter aus seiner 1:4-und-0:6-Woche zieht, wird sich bis Weihnachten zeigen: Leipzig, Frankfurt und Hoffenheim sind die drei kommenden Gegner.