Schalke 04: Spieler suspendiert, Reschke geht

Jochen Schneider (o) und Michael Reschke

Schalke 04: Spieler suspendiert, Reschke geht

Von Jörg Strohschein

Die Probleme des FC Schalke 04 liegen nicht nur auf dem Platz. Am Dienstag hat Kaderplaner Michael Reschke den Verein mit sofortiger Wirkung verlassen. Amine Harit und Nabil Bentaleb wurden suspendiert. Der Vertrag mit Vedad Ibisevic wird aufgelöst.

Als Amine Harit bei seiner Auswechslung nach 38 Minuten im jüngsten Bundesligaspiel gegen den VfL Wolfsburg wort- und grußlos an Trainer Manuel Baum schnurstracks in die Kabine lief, da war schon zu erahnen, wie es um das Innenleben der Profimannschaft des FC Schalke 04 bestellt ist. Schon ein paar Tage zuvor soll sich Harit bei einer Trainingseinheit gegenüber dem Coach despektierlich verhalten haben. Die Nerven liegen blank, die gegenseitige Achtung gegenüber dem Vorgesetzten scheint bei manch einem Spieler verschwunden zu sein.

Am Dienstagmorgen (24.11.2020) sah sich Sportvorstand Jochen Schneider offenbar gezwungen, Einzelgespräche mit Harit, Benjamin Stambouli, Nabil Bentaleb und Vedad Ibisevic zu führen. Denn allein nach den Geschehnissen in den vergangenen Tagen bestand offenbar Klärungsbedarf.

Schalke 04 trennt sich von Michael Reschke

Sportschau 24.11.2020 00:44 Min. Verfügbar bis 24.11.2025 ARD Von Jan Wochner


Das Ergebnis der vielen Unterredungen: Bentaleb und Harit müssen "bis auf Weiteres" individuell trainieren, wie der Verein am Dienstag mitteilte. Der Vertrag mit Ibisevic wird zum 31. Dezember aufgelöst. Stambouli soll sich vor Mannschaft und Trainer entschuldigt haben und kann weiter am Trainingsbetrieb teilnehmen.

Bentaleb wird Verein verlassen

"Am vergangenen Wochenende sind ein paar Dinge vorgefallen, die uns nicht gefallen haben. Deshalb erhält Amine eine Denkpause", sagte Schneider. "Wir werden Amine nicht fallen lassen, sondern gemeinsam alles daran setzen, ihn wieder dahin zu bringen, dass er seine Qualitäten für unseren Verein einbringen kann. Es liegt an Amine, dass er zügig den Weg zurück in den Kreis der Mannschaft findet." Anders sehe es bei Bentaleb aus: "Er ist unbestritten ein hervorragender Fußballer, da gibt es keine zwei Meinungen. Allerdings müssen wir feststellen, dass Schalke und Nabil Bentaleb offensichtlich nicht zusammenpassen. Es hat nicht diesen einen Moment gegeben, sondern es war ein Prozess. Spätestens im Sommer 2021 werden sich die Wege trennen", so Schneider.

Personal-Beben auf Schalke

Sportschau 24.11.2020 01:49 Min. Verfügbar bis 24.11.2021 ARD Von Jan Wochner


Ibisevic wird den Verein schon früher verlassen. "Sowohl Vedad als auch wir hatten andere Erwartungen an sein Engagement bei Schalke 04. Aus unserer Sicht ist es nunmehr besser, die Zusammenarbeit zu beenden und im Guten auseinander zu gehen", sagte Schneider.

Amine Harit (l) und Benjamin Stambouli

Amine Harit (l) und Benjamin Stambouli

Die Liste der Verfehlungen ist lang. Auch Stambouli soll nach der Auswechslung in der Halbzeitpause gegen Wolfsburg seine Nerven nicht mehr im Griff gehabt und sich abschätzig geäußert haben. Nicht zuletzt Mark Uths Rundum-Kritik an seinen Mitspielern und an sich selbst nach dem Abpfiff am Samstagnachmitag rundet das traurige Bild ab, das der Klub derzeit abgibt. Auch Nabil Bentaleb soll bei den Trainingseinheiten in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mit kleineren Provokationen in Richtung des Trainerteams aufgefallen sein.

Probleme an allen Orten

Als Stambouli am Sonntagvormittag an der turnusmäßigen Videoanalyse teilnehmen wollte, ließ Baum dies offenbar nicht zu und soll den 30-Jährigen wieder nach Hause geschickt haben. Und als es später offenbar noch zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen Co-Trainer Naldo und Angreifer Vedad Ibisevic gekommen war und das Training deshalb abgebrochen wurde, war das nur noch die Krönung einer Eskalationsstufe, die in den äußerst unrühmlichen Teil der Vereinshistorie eingehen wird.

All diese Probleme werden eingereiht in eine Führungskrise, die ebenfalls ihresgleichen sucht. Am Dienstag gab der Verein bekannt, dass die Zusammenarbeit mit Kaderplaner Michael Reschke, der seit Juni 2019 in drei Transferperioden den derzeitigen Kader nahezu ohne finanzielle Mittel zusammengestellt hatte, vorzeitig beendet wird. Reschke und Sportvorstand Jochen Schneider führten ein professionelles, allerdings kaum harmonisches Verhältnis. "Letztlich hatten wir eine unterschiedliche Auffassung über die sportliche Zukunft des Vereins", sagte Schneider in einer Vereinsmitteilung.

Gerade in der Frage, wann sich der Klub von Baum-Vorgänger David Wagner trennen sollte, lagen beide diametral auseinander. Reschke wollte eine deutlich frühzeitigere Trennung erwirken, Schneider hielt bis zum zweiten Spieltag der laufenden Saison an Wagner fest.

Schneiders Personalpolitik

Aber auch Schneider steht massiv in der Kritik, weil er seit Monaten in seiner Position als Vorstandsmitglied für Sport und Kommunikation keine Richtung vorgibt und lieber abzutauchen scheint. Hinzu kommen seine äußerst umstrittenen Entscheidungen bei den langfristigen Vertragsverlängerungen etwa von Benjamin Stambouli oder auch Guido Burgstaller, die eher der Förderung der Vereinsfolklore als einer sportlichen Expertise zuzurechnen waren.

Und auch Alexander Jobst, Vorstand für Marketing Vertrieb und Organisation steht in der Kritik beim Aufsichtsrat. Bei Jobst geht es um andere, nicht minder wichtige Themenfelder wie eine Ausgliederung der Profiabteilung, einen vermeintlich schlechten Umgang mit langjährigen Mitarbeitern und Fehler in der Außendarstellung.

Traditionelle Werte gehen verloren

Für die aktiven Schalke-Mitglieder sind dies sehr wichtige Themen, denn außerhalb der aktuellen Führungsgremien nimmt sich die Anhängerschaft als traditionsbewusster Familien-Klub wahr, in dem Werte keine untergeordnete Rolle spielen sollen. Das war nicht zuletzt an den massiven Protesten gegen den ehemaligen Aufsichtsratschef Clemens Tönnies aufgrund von dessen rassistischen Äußerungen zu sehen.

Spieler gegen Spieler, Profis gegen den Trainer, gehobenes Management gegen mittleres Management, Aufsichtsrat gegen Vorstand, 24 Bundesligaspiele in Folge ohne Sieg, ein massiver Schuldenberg von deutlich über 200 Millionen Euro - von einem konstruktiven Miteinander kann beim Ruhrgebietsklub schon seit längerer Zeit kein Reden mehr sein. Die Gemengelage erscheint eher als ein "Jeder gegen Jeden". Der FC Schalke 04 ist gerade dabei, sich selber abzuschaffen.

Uth: "Waren heute nicht nur einen, sondern fünf Schritte zu spät"

Sportschau 21.11.2020 02:06 Min. Verfügbar bis 21.11.2021 ARD


Stand: 24.11.2020, 18:11