BVB-Stürmer Sebastien Haller in seinem ersten Einsatz gegen den FC Augsburg nach seiner Krebserkrankung

Sport nach einer Krebsdiagnose - worauf müssen Sportler achten?

Stand: 24.01.2023, 14:03 Uhr

Sébastien Haller ist auf dem Platz zurück - ein halbes Jahr nach seiner Hodenkrebsdiagnose. Wie Sportler Behandlung und Therapie wegstecken, ist individuell sehr unterschiedlich.

Von Anke Feller

Von den Fans wurde er frenetisch empfangen, als er beim Re-Start der Bundesliga in der 62. Minute gegen Augsburg eingewechselt wurde und endlich sein Pflichtspieldebüt für Borussia Dortmund geben konnte. 188 Tage nach seiner Hodenkrebs-Diagnose, zwei Operationen und Chemotherapien stand Sébastien Haller wieder auf dem Rasen, mit der unmissverständlichen Botschaft "Fuck Cancer“ auf den Schuhen.

Was muss ein Sportler nach einer solchen Erkrankung und der anschließenden Therapie beachten?

"Wie in diesem Beispiel eines Fußball-Profis sind es im Prinzip kerngesunde und hochtrainierte Menschen, die eine solche Diagnose erhalten", sagt Prof. Hans-Georg Predel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule in Köln. Zudem sei die Altersgruppe, in der viele dieser Tumore diagnostiziert würden, zwischen 25 und 45 Jahre alt und damit noch relativ jung, ganz anders als bei anderen Krebsdiagnosen. Tatsächlich ist Hodenkrebs die häufigste Tumorerkrankung bei jungen Erwachsenen zwischen dem zwanzigsten und vierzigsten Lebensjahr.

"Solange ein Hodentumor nicht metastasiert, spürt der Sportler keine Beeinträchtigung. Erst die Therapie wie z.B. eine Chemotherapie kann Einschränkungen auslösen, wie das Fatigue-Syndrom." Betroffene fühlen sich ständig müde, erschöpft und ausgebrannt, ihre Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ist vermindert, sie sind antriebslos. "Es ist eine große Herausforderung und eine Frage der Selbstdisziplin, wie man damit umgeht, wenn man eigentlich nur liegen oder sitzen möchte, aber sich zu keinem vollen Programm durchringen kann. Leistungssportler können das aber ganz gut überwinden", so Predel.

Nebenwirkungen der Therapie individuell sehr unterschiedlich

Wie stark ein Betroffener unter den Nebenwirkungen der Therapie leidet, ist sehr unterschiedlich, erklärt der Leverkusener Internist und Onkologe Hans-Martin Schulze Uphoff. "Es kann sein, dass ein durchtrainierter Zwei-Meter-Hüne komplett außer Gefecht gesetzt ist und ein älterer Herr kaum bis keine Nebenwirkungen einer Chemotherapie spürt, das ist individuell sehr unterschiedlich und nicht vorhersehbar." Sport helfe aber in vielen Fällen eine Therapie verträglicher zu machen und wirke sich positiv auf Stimmung und Lebensqualität der Erkrankten aus.

Gut ist, was einem gut tut

Ganz wichtig während der Therapie und auch danach sei grundsätzlich - und das gelte besonders auch für Leistungssportler: "Man sollte jeden Tag genießen und das machen, was einem gut tut, auch im Training."

Außerdem gelte: "Man ist so leistungsfähig, wie es der Körper zulässt. Deshalb sollte man achtsam und bewusst mit ihm umgehen. Ein geregelter Schlafrhythmus ist genauso wichtig wie eine qualitativ wertvolle Ernährung." Ziel muss es ein, so Schulze Uphoff, „die immunologische Kompetenz des Körpers auf allerhöchstem Niveau zu halten".

Ziel: Ein möglichst gutes Immunsystem

"Krebs macht etwas mit dem Immunsystem", sagt auch Sportmediziner Predel. "Wenn man bereits ein Karzinom hatte, ist es ganz wichtig, dass man nicht ins Übertraining kommt." Sportlerinnen und Sportler sollten deshalb unbedingt darauf achten, nicht zu intensiv zu trainieren und sollten immer wieder achtsam in ihren Körper hineinhören und auf Warnsignale achten. 

Bundesliga-Profis beunruhigt

Neben BVB-Spieler Sébastien Haller erhielten auch die Bundesliga-Profis Timo Baumgartl (Union Berlin), Marco Richter und Jean-Paul Boetius (Hertha BSC) in den letzten Monaten die Diagnose Hodenkrebs, was bei einigen Bundesliga-Profis für Beunruhigung gesorgt habe, wie der Mannschaftsarzt des Bundesligateams von Bayer 04 Leverkusen Karl-Heinrich Dittmar berichtet: "Die Spieler sind gerade schon in Sorge, sensibel für dieses Thema und lassen sich jetzt untersuchen."

Unions Timo Baumgartl im Bundesligaspiel gegen Bayer Leverkusen 2022

Unions Timo Baumgartl überwand 2022 eine Krebserkrankung.

Risikofaktor: Zu viel Sport vor Pubertät

Laut dem Hamburger Urologen Frank Sommer sei extremer Leistungssport schon vor der Pubertät ein Risikofaktor für die Entstehung von Hodenkrebs. "Internationale Studien zeigen, dass Jungen, die vor der Pubertät extrem anstrengenden Leistungssport machen, ein erhöhtes Risiko für Hodenkrebs haben, unabhängig von genetischen Faktoren", so der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit. Normalerweise senkten Sport und körperliche Aktivität das Krebsrisiko, aber in diesem konkreten Fall sei es anders.

Psychologische Komponente

Wie gut eine solche Erkrankung weggesteckt würde, lässt sich nicht vorhersagen, sagt Onkologe Schulze Uphoff. "Die psychologische Komponente sollte man aber auf keinen Fall unterschätzen. Nach außen hin wirken die Männer taff, innerlich ist es für sie häufig sehr problematisch." Die Tatsache, dass in der Regel der erkrankte Hoden entfernt wird sowie Ängste über einen Rückfall spielten eine große Rolle.

Große Fortschritte in der Tumortherapie

Eine Botschaft ist dem Onkologen ganz wichtig: "T nicht mehr gleich T - Tumor bedeutet nicht mehr gleich Tod! In den letzten 20 Jahren hat sich in der Tumortherapie sehr viel getan."

Schulze Uphoff empfiehlt Betroffenen mit einer optimistischen Grundhaltung in die Zukunft zu gehen, positiv nach vorne zu schauen, das Leben zu genießen und nicht überprotektiv und zwanghaft auf den eigenen Körper zu achten. Und sich auch nicht von anderen vorschreiben zu lassen, was für einen gut wäre. "Das spürt man selber am besten."