Gladbach, Inter und der Büchsenwurf: 49 Jahre der Unschuldsbeteuerung

Gladbach gegen Inter - der Büchsenwurf vom Bökelberg sport inside 20.10.2020 09:42 Min. Verfügbar bis 19.10.2021 WDR

Gladbach, Inter und der Büchsenwurf: 49 Jahre der Unschuldsbeteuerung

Wenn Borussia Mönchengladbach am Mittwoch (21 Uhr) bei Inter Mailand in der Champions League antritt, werden Erinnerungen wach an einen Büchsenwurf, der nun schon 49 Jahre zurückliegt. Das wohl beste Spiel der Borussia-Geschichte wurde annulliert, Roberto Boninsegna gibt sich bis heute unschuldig.

"Es ist ein geiles Los. Seitdem ich in Gladbach bin, umschwirrt mich die Geschichte um Inter Mailand und Boninsegna." Die Reaktion von Borussias Sportdirektor Max Eberl direkt nach der Gruppenauslosung in der Champions League Anfang Oktober spricht Bände.

Boninsegna - gemeint ist damit Roberto Boninsegna. Der ehemalige Inter-Stürmer beteuert noch immer seine Unschuld, auch 49 Jahre nach dem Büchsenwurf vom Bökelberg. "Immer wieder wird mir in Deutschland unterstellt, die Verletzung nur gespielt zu haben. Das stimmt nicht, ich habe nicht geschauspielert", sagt der Italiener am Telefon in seiner Heimat Mantua mit fester Stimme.

Roberto Boninsegna (US Cagliaria) in den 60ern kurz vor seiner Zeit bei Inter.

Roberto Boninsegna (US Cagliaria) in den 60ern kurz vor seiner Zeit bei Inter.

"Bewusstlos" sei er geworden an jenem 20. Oktober 1971, der trotz aller Tragik zum Mythos von Borussia Mönchengladbach beigetragen hat. 76 Jahre alt ist Boninsegna inzwischen, doch auf die fliegende Getränkedose wird er noch immer angesprochen. Erst recht jetzt, kurz vor dem Wiedersehen der Borussia mit Inter Mailand am Mittwoch in der Champions League.

Mit 7:1 hatten die Fohlen um Günter Netzer, Jupp Heynckes und Berti Vogts im Oktober 1971 die Stars aus Mailand aus dem Stadion gefegt. Doch weil Boninsegna beim Stand von 2:1 zu Boden ging und ausgewechselt werden musste, wurde das Ergebnis später annulliert.

"Partita della lattina" - Das Büchsenspiel

"Ich erinnere mich genau an diesen Moment. Ich war auf dem Weg, um einen Einwurf auszuführen, als ich einen Schlag verspürte. Ich wurde ohnmächtig, das hat auch der französische UEFA-Kommissar bestätigt, der mich in der Kabine untersucht hat", sagt Boninsegna über jene Begegnung, die in Italien nur "Partita della lattina" - Das Büchsenspiel - genannt wird.

Am Niederrhein herrscht freilich eine ganz andere Sichtweise vor. Der damalige Manager Helmut Grashoff etwa schrieb in seinen Memoiren, Boninsegna habe sich "nach kurzer Überlegung bühnenreif auf den Rasen gelegt, wurde in die Kabine getragen und dort eingeschlossen". Vogts urteilte: "Dieser Sieg wurde uns gestohlen. Jawohl, gestohlen. Ich bin sicher, dass Boninsegna geschauspielert hat."

Netzer: "Wie wenn man ein Kind sanft zu Boden tätschelt"

TV-Bilder gibt es nicht, auch weil die Übertragung an heute geradezu lächerlich erscheinenden Summe von 6.600 DM scheiterte. Für Netzer wiederum war der Aufprall der (leeren) Dose, "wie wenn man ein Kind sanft zu Boden tätschelt". Die UEFA sah das anders und ordnete ein Wiederholungsspiel auf neutralem Platz an. In Berlin kam Gladbach nur zu einem 0:0, für "Luggi" Müller wurde es nach einem schweren Foul von - natürlich - Boninsegna sein letztes Spiel für die Borussia.

Anschauungsobjekt im Vereinsmuseum

Nach dem 2:4 in Mailand waren die Fohlen ausgeschieden. Die ominöse Dose liegt heute im Vereinsmuseum hinter dickem Plexiglas. Ein wenig Rost hat sie angesetzt, das strahlende Rot hat sie aber behalten. Boninsegna bezweifelt indes, dass es sich um die richtige Büchse handelt. Die Dose sei "nur eine der vielen", die geworfen wurden, sagt er.

Roberto Boninsegna 2019 bei einem Auftritt im italienischen Fernsehen.

Roberto Boninsegna 2019 bei einem Auftritt im italienischen Fernsehen.

Auch in Borussias Vereinschronik heißt es, dem Schiedsrichter sei damals eine andere als die geworfene Dose als Anschauungsobjekt gereicht worden. Boninsegna jedenfalls will am Mittwoch dabei sein, wenn Inter und Borussia endlich wieder aufeinander treffen (einzig 1979 gab es die Paarung noch einmal) - fast auf den Tag genau nach 49 Jahren. "Ich habe noch gute Kontakte zu Inter", sagt er: "Ich bin sicher, dass man mir eine Karte verschaffen wird."

sid | Stand: 19.10.2020, 21:31