Rot-Weiss Essen - Ein Traditionsverein im Höhenflug

Essens Simon Engelmann jubelt über sein Tor gegen Düsseldorf

Erst Rückkehr ins Profigeschäft, dann Deutschlands Top 25

Rot-Weiss Essen - Ein Traditionsverein im Höhenflug

Von Sebastian Hochrainer

In der Regionalliga West steht Rot-Weiss Essen an der Spitze und hat gute Chancen auf die Rückkehr ins Profigeschäft. Doch der Klub hat schon größere Visionen - und setzt bei der Umsetzung vor allem auf Nachhaltigkeit.

Das neue Jahr hätte für Rot-Weiss Essen durchaus besser beginnen können. Der Regionalligist bekam für das Achtelfinale im DFB-Pokal den Sieger aus der Nachholpartie zwischen Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen zugelost. “Das ist ein Hammerlos. Zwar nicht unbedingt das Wunschlos, aber wir nehmen es so hin”, sagte Trainer Christian Neidhart, der sich ein Ruhrgebietsderby gegen den FC Schalke 04 gewünscht hatte.

Doch auch dem RWE-Coach ist klar, dass es sich hierbei um ein absolutes Luxusproblem handelt. “Wir sind froh, dass wir überhaupt noch dabei sind”, sagte Neidhart auch. Frohsinn ist ohnehin das Gefühl, das aktuell in Essen herrscht. Denn der Klub steht nicht nur als letzter Amateurverein im Achtelfinale des DFB-Pokals, sondern auch an der Spitze der Regionalliga West.

No Sports!? Folge 26: Pokal-Jubel und Kritik sport inside 30.12.2020 08:56 Min. Verfügbar bis 30.12.2021 WDR

Der Aufstieg und damit die Rückkehr ins Profigeschäft ist das große Ziel der Essener, daraus machten sie schon vor der Saison kein Geheimnis. Und nur noch ein Team kann RWE davon offenbar abbringen. Das Neidhart-Team hat in der ersten Saisonhälfte 50 Punkte in 20 Partien geholt, noch kein Spiel verloren. Und nur die Zweitvertretung von Borussia Dortmund ist mit sechs Punkten Rückstand und einem Spiel weniger in Schlagdistanz.

Die Gründe des Erfolgs

Im WDR-Gespräch erklärt der 52-Jährige, dass der “Teamgeist und Zusammenhalt im gesamten Verein” ein Erfolgsgeheimnis sei. Außerdem ein Sicherheitsgefühl in den schwierigen vergangenen und kommenden Monaten. “Wir sind trotz der Corona-Pandemie sehr gut aufgestellt. Wir konnten deshalb ganz in Ruhe arbeiten und es musste sich kein Spieler Sorgen um sein Gehalt machen. Das ist die Basis dieser Saison, die bislang außergewöhnlich gut gelaufen ist”, erklärt Neidhart.

Die beiden Personen, die diesen Werdegang ermöglicht haben, sind Sportdirektor Jörn Nowak und der Vorstandsvorsitzende Marcus Uhlig. “Da haben wir zwei, die RWE vorleben und alles für den Verein geben”, sagt Neidhart.

Uhlig ist seit März 2018 der starke Mann im Klub. “RWE war vorher ein Verein, der jahrelang vergessen hatte, auf das zu setzen, was am wichtigsten ist, und das ist der Sport. Das ist ähnlich wie in einem Wirtschaftsunternehmen, das alles dafür macht, dass sein Produkt möglichst erfolgreich ist”, sagt er im WDR-Gespräch. “Das wollen wir aber mit der für uns passenden Art und Weise schaffen und nicht mit einem Investor. Das wird es bei mir nicht geben.

Kein Investor, aber dennoch finanzielle Unterstützung

Doch ganz ohne fremde Hilfe wäre der Erfolg in Essen vielleicht nicht möglich gewesen. “Wir haben geschaut, wie wir die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs erhöhen können und haben mit Sascha Peljhan jemanden gefunden, der als Fan helfen will und uns nachhaltig unterstützt, aber keinen Profit machen will”, sagt Uhlig, der sich gegen die Vorwürfe wehrt, dass der aktuelle Erfolg des Traditionsklubs, der letztmals in der Saison 2006/2007 Profifußball spielte, einer “auf Pump” sei. “Es ist alles entsprechend abgesichert. Und selbst wenn Herr Peljhan sich entscheiden sollte, uns nicht mehr unterstützen und sein Geld zurückhaben zu wollen, gibt es keine Probleme. Weil wir unsere Ziele mit viel weniger Kosten angehen wollen als andere, wir zahlen auch weitaus geringere Gehälter als diese Klubs.

DFB-Pokal 1975: Rot-Weiss Essen schlägt Fortuna Düsseldorf Sportschau 22.12.2020 01:14 Min. Verfügbar bis 22.12.2021 Das Erste

Die seriöse Entwicklung wird auch außerhalb des Vereins wahrgenommen. Peter Frymuth, DFB-Vizepräsident und Präsident des Westdeutschen Fußballverbandes sowie des Fußballverbandes Niederrhein, lobt die Art und Weise, wie in Essen gearbeitet wird. “Der Erfolg ist die Folge einer kontinuierlichen Entwicklung. Essen ist eine Fußballstadt und obwohl die Stadt kein Top-Team hat, gibt es eine riesige Anzahl an Amateurklubs, es ist eine große Fußball-Familie”, sagt der 64-Jährige. “Vielleicht sagt jeder, dass RWE höher spielen muss, aber der Weg aus der Regionalliga ist schwierig. Wichtig ist, dass der Verein weiter mit Kontinuität sehr gute Arbeit leistet.

Fans nehmen für den Klub Verluste hin

Die Unterstützung der Stadt ist eine wichtige Voraussetzung für den Verein. “RWE ist ein besonderer Verein mit einer großen Wucht und einem riesigen Umfeld. Die Intensität und Loyalität, mit der die Fans und Sponsoren den Klub begleiten, ist schon fast unnatürlich”, sagt Uhlig. Fest macht er das besonders daran, dass trotz der Corona-Pandemie kein Sponsor abgesprungen sei und 94 Prozent der Fans auf eine Rückerstattung der bezahlten Tickets verzichteten.

Marcus Uhlig, Vorstand von Rot-Weiss-Essen

Marcus Uhlig, Vorstand von Rot-Weiss-Essen

Außerdem verkaufte RWE trotz der ungewissen Zukunft im Sommer 5.000 Dauerkarten, hat sich dabei jedoch abgesichert. “Wir garantieren nicht mehr, dass jeder Dauerkarteninhaber ins Stadion kommen kann, aber dass sie alle Spiele live sehen können. Dafür haben wir einen eigenen Stream aufgebaut und so gibt es keine Ansprüche”, erklärt Uhlig. Nach Vereinsangaben schalten sich bei den Spielen 7.000 bis 9.000 Endgeräte ein, Uhlig erwartet jedoch eine noch höhere Zuschauerzahl, da sich Fans vor den Bildschirmen treffen könnten.

"Drei Männer am Werk, die Essen verstanden haben"

Hinter dieser Begeisterung steckt auch eine hohe Erwartungshaltung”, sagt Uhlig. “Aber die erfüllen wir gerade und die Menschen merken auch, dass hier drei Männer am Werk sind, die Essen verstanden haben.” Nowak sei laut Uhlig ein “erstklassiger Sportdirektor, der nachhaltig etwas aufbauen will und auch bei der Kaderplanung darauf achtet”. Mit Neidhart, den er im vergangenen Sommer nach Essen holte, habe RWE nun “endlich den passenden Trainer gefunden”.

Er hat die Gabe, Überzeugung und gleichzeitige Klarheit zu versprühen. Wir haben einen großen Kader, hatten nie verletzte Spieler, aber trotzdem hat es der Trainer geschafft, dass jeder Einzelne sich dem Erfolg der Mannschaft unterordnet und keiner unzufrieden ist”, sagt Uhlig und fügt an: “Für seine Arbeit hat der Trainer eine 1+ mit Sternchen verdient.

Dortmund II macht Druck auf RWE

Neidhart betont jedoch, dass “wir noch nichts in der Hand haben. Die Hinrunde war schon ein wenig Bayern-München-like, aber wir bleiben demütig. Wir haben eine riesige Ausgangssituation, aber auch noch nichts erreicht, solange wir den BVB im Nacken haben. Wir müssen weiter so gut punkten.

Die Spitzengruppe der Regionalliga West
Rot-Weiss Essen20 Spiele50 Punkte, 46:12 Tore
Borussia Dortmund II19 Spiele44 Punkte, 48:14 Tore
Fortuna Köln20 Spiele37 Punkte, 39:23 Tore
Fortuna Düsseldorf II20 Spiele35 Punkte, 40:19 Tore
Preußen Münster20 Spiele34 Punkte, 28:19 Tore

Beginnen wollen die Essener damit direkt am 16. Januar, wenn mit dem Spiel beim SC Wiedenbrück die Rückrunde in der Regionalliga West startet. “Wir müssen jetzt schauen, dass wir die Hinrunde bestätigen und unser großes Ziel erreichen”, sagt Neidhart. “Und dann haben wir in der 3. Liga nochmal andere Möglichkeiten, die Euphorie wird riesig sein und dann wird in einer Großstadt wie Essen viel möglich sein.

Das Endziel: Mindestens ein Top-Team in der zweiten Liga

Klubchef Uhlig wagt bereits den Blick nach vorne. Er betont zwar, dass “die Rückkehr ins Profigeschäft nun die oberste Priorität” sei, aber “nicht das Endziel”. “Wir wollen uns auf einem hohen Niveau stabilisieren. Ein Platz unter den Top 25 in Deutschland ist etwas, was man mit dem Potenzial des Klubs und der Stadt Essen schaffen kann”, sagt Uhlig.

Essens Trainer Christian Neidhart

Essens Trainer Christian Neidhart

Denn ein Aufstieg wäre für RWE nach Meinung des Vorstandsvorsitzenden ein “echter Knotenlöser” oder “ein Urknall, weil in Essen eine tiefe Sehnsucht nach der Rückkehr ins Profigeschäft herrscht, das ist jeden Tag zu spüren”, so Uhlig. “Die dritte Liga würde uns ganz neue Möglichkeiten bieten, nicht nur wegen der höheren Fernsehgelder, sondern es gäbe auch mehr Präsenz für die großen Unternehmen in Essen, die uns noch mehr unterstützen würden. Wir müssen nur jetzt erstmal diesen ersten Schritt machen.

Stand: 05.01.2021, 10:16