Draisaitl: "Heimvorteil gibt’s eigentlich überhaupt nicht"

Edmonton Oilers Center Leon Draisaitl

NHL-Topscorer im Interview

Draisaitl: "Heimvorteil gibt’s eigentlich überhaupt nicht"

Es wird heiß auf Nordamerikas Eis. Nach viereinhalb Monaten Pause beginnen die Playoffs in der nordamerikanischen Profiliga NHL. Die Edmonton Oilers mit Leon Draisaitl sind einer von zwei Gastgebern, müssen sich aber in einer Best-of-Five-Serie gegen die Chicago Blackhawks erst noch für die Playoffs qualifizieren. Im Interview spricht der Kölner über Eishockey im Hochsommer, das Leben in der Blase und Rassismus.

Leon Draisaitl, was ist gewöhnungsbedürftiger - im Hochsommer Eishockey zu spielen oder abgeschirmt in einem Hotel in Edmonton zu sein, da Sie nicht daheim wohnen dürfen?

Leon Draisaitl: Ich glaube, dass beides zur Zeit ein bisschen ungewohnt ist. Aber im Endeffekt gibt es halt ein großes Ziel für alle, und jeder sitzt auch hier im gleichen Boot. Von daher glaube ich, dass Ausreden nicht helfen. Man muss einfach damit leben können, und ich glaube, dass machen wir bis jetzt ganz gut.

Wie erleichtert sind Sie, dass Sie in Kanada die Saison fortsetzen dürfen und nicht im globalen Corona-Hotspot USA?

Draisaitl: Ich denke, dass sie das hier in Edmonton ganz gut zusammengehalten haben, wenn man die Zahlen sieht. Hier wird auch bis jetzt ein wirklich guter Job gemacht, alles ist unter Kontrolle. Hoffentlich bleibt das natürlich auch so.

Die Oilers sind zusammen mit elf weiteren Teams in drei Hotels in Edmonton untergebracht und abgeschirmt. Wir sieht ihr Leben in dieser Blase aus?

Draisaitl: Abseits des Eises herrscht logischerweise überall Maskenpflicht. Wir haben alle Einzelzimmer und es ist verboten, sich mit Mitspielern auf dem Zimmer zu treffen. Jeden Morgen werden wir getestet, die Ergebnisse gibt es innerhalb von 24 Stunden. Unser Hotel ist direkt neben der Eishalle und sogar durch einen Straßenübergang mit der Arena verbunden. Wir haben zudem eine Plaza mit ein paar Restaurants und verschiedenen Möglichkeiten, ein paar Sachen zu unternehmen. Da hat die NHL einen guten Job gemacht. Ich sehe auch täglich die deutschen Spieler der anderen Vereine (Tobias Rieder/Calgary, Philipp Grubauer/Colorado, Korbinian Holzer/Nashville/Anm. d. Red.). Es ist natürlich cool, mal ein bisschen Deutsch zu reden.

In Aktion: Leon Draisaitl

In Aktion: Leon Draisaitl

Edmonton ist neben Toronto eine von zwei so genannten "Hub Cities", hat also ein Heimspiel. Aber wie groß ist dieser Heimvorteil tatsächlich?

Draisaitl: Den Heimvorteil gibt’s eigentlich überhaupt nicht. Es wird von der Liga alles sehr, sehr fair gehalten - was natürlich auch richtig so ist. Wir ziehen uns zum Beispiel nicht in unserer eigenen Kabine um, sondern immer woanders. Und ich weiß nicht, ob, dass wir das Eis kennen, ein großer Vorteil jetzt ist.

Was für ein Eishockey können die Fans nach vier Monaten Pause und nur ganz kurzer Vorbereitung mit je einem Testspiel pro Team erwarten?

Draisaitl: Ich denke, dass es wahrscheinlich ein bisschen dauern wird, bis man wieder bei einhundert Prozent ist. Aber die Zeit hat man natürlich nicht. Deswegen muss man so schnell wie möglich sein Spiel finden und bereit sein.

Es wird für alle 24 Teams ein Kaltstart. Ist das gut oder eher schlecht für die Oilers, die ja durch Connor McDavid oder auch Sie technisch versierter sind als andere Mannschaften, die eher durch den Kampf ins Spiel finden?

Draisaitl: Ich würde nicht sagen, dass einige Teams nur über den Kampf kommen und andere nur über das Talent. Alle, die hier sind, haben genauso viele physische wie auch technisch versierte Spieler.  Wir müssen einfach schauen, dass wir von Beginn an bereit sind und probieren, unser bestes Spiel zu spielen.

Wie sehr ist unter diesen besonderen Umständen die Psyche gefragt?

Draisaitl: Natürlich spielt die mentale Seite eine große Rolle. Ich denke, dass es dem Team am leichtesten fallen wird, das am Besten mit dieser Situation umgehen kann.

Eishockey, NHL, Leon Draisaitl

Also wird das beste Team Meister, oder das, das am anpassungsfähigsten ist?

Draisaitl: Ich denke, es kommt auf beides an.

In den vergangenen Monaten hat sich der Sport und auch die NHL stark in Sachen Black Lives Matter positioniert. Wie ist Ihre Haltung zu diesem Thema?

Draisaitl: Ich habe das alles verfolgt. Und wie viele andere finde auch ich, dass sowas (Rassismus/Anm. d. Red.) natürlich überhaupt nicht geht, keine Frage. Das Leben eines jeden Menschen ist gleich viel wert. Und jeder sollte auch so behandelt werden. Hautfarbe oder Nationalität dürfen da keine Rolle spielen.

Sie sind als erster Deutscher in einer nordamerikanischen Profiliga Topscorer geworden und als einer von drei Profis für die Wahl zum “wertvollsten Spieler der Saison” nominiert.  Was bedeutet Ihnen das?

Draisaitl: Natürlich ist das eine große Ehre, und da bin ich auch stolz drauf.  Aber das große Ziel ist natürlich der Stanley Cup. Darauf konzentriere ich mich jetzt - und freue mich, dass es endlich wieder losgeht.

 Mit Leon Draisaitl sprach Heiko Oldörp

Stand: 01.08.2020, 09:19