Im Zwölf-Monats-Takt

Rudolf Taschner, Mathematiker und Physiker

Zeitarbeit in der Wissenschaft

Im Zwölf-Monats-Takt

Von Armin Himmelrath

Ein unbefristeteter Arbeitsvertrag? Für Nachwuchsforscher ist das so selten wie ein Sechser im Lotto. Stattdessen hangeln sie sich von einem Kurzzeit-Projekt zum nächsten, und nicht selten bleibt dabei die Forschung auf der Strecke.


Bernhard Kempen hat es längst geschafft. Als Jura-Professor an der Universität zu Köln ist er seit Jahren verbeamtet, abgesichert, unbefristet beschäftigt. Und: höchst unzufrieden. Nicht unbedingt mit seiner eigenen Situation, sondern vor allem mit der seiner jungen Kolleginnen und Kollegen. Denn Kempen ist auch Präsident des Deutschen Hochschulverbands (DHV) – und mahnt schon seit Jahren, dass die Arbeitsbedingungen für Nachwuchsforscher mangelhaft sind. "Die Wissenschaft als Beruf muss attraktiver werden", sagt Kempen. Denn vielen hoffnungsvoll gestarteten jungen Wissenschaftlern drohe statt einer Professorenbesoldung oftmals Hartz IV.

Jungforscher an der kurzen Leine gehalten

Die drastische Warnung des DHV-Präsidenten findet ihren Widerhall auch im kürzlich vorgestellten "Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013" (BuWiN). Der Bericht belegt eine Arbeitssituation für viele Jungforscher, die mit "prekär" nur unzureichend beschrieben ist: Acht von neun Nachwuchsforschern haben in Deutschland einen befristeten Vertrag, und bei den meisten läuft diese Kurzzeit-Anstellung auch nur für ein Jahr oder kürzer.

Forschung auf Zeit

"Das ist eine absurde Situation", sagt Stefanie Sonntag, wissenschaftliche Personalrätin an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder): "Bei mehrjährigen Forschungsprojekten müssen sich die Betroffenen schon nach einem halben Jahr um eine Anschlussfinanzierung ihrer Stelle kümmern, statt sich die wissenschaftlichen Fragen vorzunehmen." Wissenschaft im Zwölf-Monats-Takt – langfristige Forschung kann so kaum entstehen, zumal die Betroffenen ständig damit rechnen müssen, demnächst arbeitslos zu sein.

Schlechter Stil

Viele Doktoranden und Postdocs berichten außerdem von Umgangsformen an den Unis, die sich kein Unternehmen leisten könnte. Weil die sogenannten Drittmittel, also Fördergelder von externen Finanziers, immer wichtiger werden, steigt auch das Risiko, dass Geldgeber kurzfristig wieder abspringen. Ausbaden müssen das nicht selten die wissenschaftlichen Mitarbeiter: Wenn Fördergelder wegfallen, werden schon mal bereits erstattete Reisekosten zurückgefordert oder betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen. "Das alles ist bekannt, da wird auch der neue BuWiN nichts bringen", sagt ein 28-jähriger Biologe frustriert.

Feste Verträge oft nur durch Fördergelder

Mittlerweile haben auch die Gewerkschaften die Situation erkannt – und fordern deutliche Verbesserungen. "Stellen, auf denen Daueraufgaben bearbeitet werden, müssten auch mit dauerhaften Verträgen ausgestattet sein", sagt etwa Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Es sei Aufgabe der Hochschulen, hier umzusteuern und selber aktiv zu werden: "Wir brauchen berechenbare, attraktive und abgesicherte Karrierewege für Nachwuchswissenschaftler – damit der ‚Traumjob Wissenschaft’ nicht zum Albtraum-Job wird."


Es geht auch anders

Dass ein anderer Umgang mit dem Nachwuchs möglich ist, zeigen bereits einzelne Hochschulen. So hat sich die Uni Bremen dazu bekannt, befristete Verträge grundsätzlich mindestens drei Jahre laufen zu lassen. Daran, finden die Betroffenen, sollten sich auch andere Unis ein Beispiel nehmen. "Nachdem lange und viel über Exzellenz an den Universitäten geredet wurde, brauchen wir jetzt Mindeststandards für alle Beschäftigten", sagt etwa Wiebke Esdar, Mittelbausprecherin an der Uni Bielefeld.

Stand: 22.04.2013, 16:05