Wer kennt die "Sperchdrossel"?

Leonardo testet Online-Lexikon "Wikipedia"

Wer kennt die "Sperchdrossel"?

Wie sicher ist das Online-Lexikon "Wikipedia"? Wer schreibt für diese Wissensseite? Und wer prüft das nach? Leonardo hat bei Machern und Nutzern von "Wikipedia" nachgeforscht - und bei Studenten. Sie haben die Online-Enzyklopädie in einem Experiment mit frei erfundenen Einträgen auf die Probe gestellt.

Studenten der Universität Gießen haben für Leonardo die Wissensplattform "Wikipedia" getestet - mit selbst erfundenen Begriffen. Zum Beispiel "Mülia Irratium" - fiktives Moos. "Hyproxanthipa" - eine frei erfundene fleischfressende Pflanze, die auch Säugetiere verdauen soll. Oder der Vogel "Sperchdrossel", den es gar nicht gibt.

"Die Autoren unterliegen nicht der Prüfung, die Texte sehr wohl"

Bei Wikipedia kann jeder mitmachen und Wissen einstellen oder auch bestehende Beiträge bearbeiten, also ergänzen und korrigieren. Das Ergebnis des Tests: Die frei erfundenen Begriffe wurden schon nach ein paar Stunden gelöscht - bis auf einen: das fiktive Moos.

Dass das funktioniert, ist eher die Ausnahme. Denn wer für "Wikipedia" schreibt, wird von der "Wikipedia-Community" kontrolliert. "Die Autoren unterliegen nicht der Prüfung, die Texte sehr wohl", sagt Pavel Richter, Vorstand des Wikimedia-Vereins in Deutschland, der "Wikipedia" betreibt. "Das, was die Menschen schreiben, wird permanent geprüft - nämlich von jedem, der es liest." Jeder Leser könne Korrektor sein und auf Fehler aufmerksam machen - und viele fangen genau so an, bei "Wikipedia" mitzuarbeiten und für "Wikipedia" zu schreiben.

Grundidee: Das Wissen dieser Welt mit anderen teilen

Die Grundidee von "Wikipedia" ist einfach: Das Wissen dieser Welt mit anderen teilen. Das war die Idee des Gründes von "Wikipedia", Jimmy Wales. Es fing an am 15. Januar 2001, Jimmy Wales hat damals ein paar Server ins Internet gestellt und eine Software namens "Media-Wiki" darauf installiert, mit der Einladung: "Ihr könnt hier auf diesem Server, mit dieser Software, eine Enzyklopädie schreiben." Pavel Richter findet die Idee im Rückblick skurril. "Das Faszinierende ist, dass es funktioniert hat."

Und das mit einer rasanten Geschwindigkeit. Heute gibt es über 24 Millionen Artikel in über 280 Sprachen. In Deutschland sind mittlerweile 1,6 Millionen Begriffe eingestellt. Betrieben wird "Wikipedia" von der "Wikimedia-Foundation" in den USA. Wer für "Wikipedia" schreibt und prüft, macht dies, ohne Geld dafür zu erhalten. Allein in Deutschland sind das 7.000 Mitarbeiter, die meisten von ihnen sind männlich.

"Wikipedia" finanziert sich ausschließlich durch Spenden, allein in Deutschland 6,1 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Die meisten Nutzer spendeten fünf Euro. Mit den Spenden werden auch Tagungen ausgerichtet zu Fragen der Wissenschaft und es gibt außerdem eine Pressestelle. In Berlin sind etwa 60 Mitarbeiter für die "Wikimedia" tätig. Sonst arbeite jeder umsonst, die Community sei autonom, versichert Thomas Roessing. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik der Universität Mainz, hält Vorträge über "Wikipedia" und schreibt auch als Autor für das Online-Lexikon.

"Fakes" werden oft nach kurzer Zeit entdeckt

Doch nicht jeder ist gleich gut darin, Begriffe zu kontrollieren und Artikel zu ändern. "Das ist ein relativ komplexes System", so Roessing. "Man muss einige Zeit mitarbeiten. Man muss eine bestimmte Anzahl von unverdächtigen Beiträgen haben. Man darf eine bestimmte Anzahl an Zurücksetzungen nicht überschreiten. Dann wird man stufenweise in dieses Sichtungssystem integriert." Dies sei von der Community in einem sehr umstrittenen Meinungsbild beschlossen worden. "Meinungsbilder sind Entscheidungsinstanzen, die bindend sind - vor allem für die Administratoren der deutschsprachigen Wikipedia", erklärt Roessing.

Lehramts-Studentin Sina hat mit ihrem Moos, das es gar nicht gibt, bisher Glück gehabt. "Mülia Irratium" steht als neuer Artikel bereit, von anderen Usern gegengelesen zu werden. "Bisher ist er hier eingetragen unter 'noch nicht überprüft'", berichtet Sina. Ob er die noch kommende Prüfung überlebt, ist eher fraglich. Was Sina gerade ausprobiert, haben andere vor ihr auch schon versucht: Einfach mal einen erfundenen Begriff bei Wikipedia einstellen und schauen, ob es einer merkt. Thomas Roessing von der Universität Mainz kennt solche "Fakes". "Die werden oft nach kurzer Zeit im Rahmen der Qualitätssicherung entdeckt", erzählt er.

"Da ist die Diskussionsseite länger als die Bibel"

Etwas komplizierter ist es bei Artikeln, die zwar kein "Fake" sind, mit denen die Community aber nicht zufrieden ist. Und dann wird im Netz diskutiert, was an dem Artikel noch geändert werden müsste. Das sind Bereiche wie die Alternativmedizin Homöopathie - "da ist die Diskussionsseite deutlich länger als die Bibel", so Roessing. Andere Artikel stehen in der Kritik, weil sie politisch zu einseitig sind. So wie etwa der Artikel über den Studenten Benno Ohnesorg, der 1967 in Berlin bei einer Demonstration von einem Polizisten erschossen wurde. Politisch eher links eingestellte Autoren von "Wikipedia" fanden es gut, wie sein Tod dargestellt wurde. "Die Darstellung war sehr tendenziös", meint "Wikipedia"-Experte Thomas Roessing. "Das wurde dann von einigen Nutzern entdeckt, die das nicht so gut fanden, und in einem Prozess, der von sehr heftigen Streitereien begleitet war, wurde der Artikel neutralisiert."

Unternehmen werben via "Wikipedia" - "oft sehr ungeschickt"

Der neueste Trend: Unternehmen versuchen, ihr Produkt über "Wikipedia" zu bewerben. "Viele machen das so ungeschickt, dass es sofort auffällt und diese Werbung dann entweder gelöscht oder neutralisiert wird. Da werden zum Teil einfach Inhalte von der Unternehmens-Webseite nach Wikipedia kopiert", so Roessing. Sollten dann nicht Artikel gleich gelöscht werden, die ein Unternehmen in Auftrag gegeben hat? "Nein", meint der "Wikipedia"-Experte und nennt als Beispiel den Account von BASF. Der sei ganz öffentlich markiert als "Wikipedia"-Account der Öffentlichkeitsarbeit von BASF. "Die steuern zu BASF-bezogenen Artikeln wertvolle und wichtige Inhalte bei, zum Teil auch Inhalte, die man als Nicht-Insider gar nicht finden und beisteuern könnte. So lange die nicht versuchen, Kritik zu löschen oder ihre eigenen Produkte über den grünen Klee zu loben, ist es völlig unproblematisch."

Das fiktive Moos - endlich entdeckt und entfernt

Seit sieben Jahren schreibt und korrigiert Thomas Roessing für "Wikipedia". Im Wissenschaftsbetrieb kann das allerdings auch ein Negativ-Kriterium sein, erzählt ein anderer Autor, Archäologe und Historiker, der gerade promoviert. "Bei Kollegen, die nicht so netz-affin sind, spüre ich schon eine gewisse Distanz." Sie befürchten, dass er schnell Sachen veröffentlichen könnte, ohne den offiziellen Weg zu gehen. "Man arbeitet in Wikipedia immer mit Sekundärquellen und veröffentlicht nichts, was nicht auch in Büchern veröffentlicht wäre", betont er.

Es hat etwas länger gedauert, aber das fiktive Moos "Mülia Irratium" der Studentin Sina ist mittlerweile gelöscht. Und am Ende ist sie erleichtert. "Ich hatte das Gefühl, dass vielleicht irgendjemand für eine Arbeit in der Schule oder Uni den Begriff nutzt, ohne dass er überhaupt existiert, und sich dann irgendwann später daraus Probleme ergeben."

Autor des Hörfunk-Beitrags ist Hans Rubinich

Stand: 13.05.2014, 09:35