Aufhören, sich vom Terror fernsteuern zu lassen

Vier Zeitungsartikeln zum Thema Terror in Paris

Aufhören, sich vom Terror fernsteuern zu lassen

Jeder zweite Deutsche hat Angst vor Terroranschlägen, so das Ergebnis einer aktuellen Umfrage. Schuld daran sei die große Berichterstattung der Medien und mangelnde Risikokompetenz, urteilt der Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer im Interview mit WDR 5.

WDR 5: Leben wir heute in Deutschland gefährlicher als vor 40 Jahren, als etwa die linksterroristische RAF noch aktiv war?

Gigerenzer: Wir haben heute einen völlig anderen Terror als den der RAF. Der RAF-Terror war ein sozialrevolutionärer Terror, der sich gegen die kapitalistische Gesellschaft und deren Vertreter gestellt hat. Der religiös-fundamentalistische Terrorismus dagegen mordet im Namen von Gott. Hier spielen auch immer mehr die sozialen Medien eine Rolle in der Radikalisierung und auch in der Rekrutierung.

Hanns Martin Schleyer, RAF, Entführung

September 1977: RAF entführt Hanns Martin Schleyer

Terror ist nicht gleich Terror. Der Terrorismus der RAF hat ja zumindest am Anfang gezielt Personen des öffentlichen Lebens, die die Attentäter als Vertreter des Kapitalismus ansahen, im Auge gehabt und nicht die Allgemeinheit. Das hat sich nachher verändert. Ich glaube, es ist wichtig, zwischen verschiedenen Formen von Terrorismus zu unterscheiden.

Wenn man die Frage stellt, ob das Leben heute gefährlicher ist als früher, kann man sicher sagen: Nein, und in vieler Hinsicht nicht. Wir leben länger als je zuvor, die Kindersterblichkeit ist so niedrig wie kaum je zuvor. Es geht uns sehr gut. Wir haben eine Demokratie, die viel besser funktioniert als alles, was wir früher hatten.

Aber die Menschen sind dennoch leicht zu verängstigen. Es gibt ja auch den Begriff der Deutschen Angst, German Angst im Englischen. Wenn Sie in Länder gehen, die über Jahrzehnte hinweg Erfahrung haben mit Terrorismus – dazu gehören Spanien und Israel – sehen Sie, dass die Menschen dort deutlich robuster sind gegenüber Terrornachrichten.

WDR 5: Den meisten ist bewusst, dass es wahrscheinlicher ist, im Straßenverkehr zu sterben als bei einem Terroranschlag. Warum ist die Angst vor dem Terror trotzdem so verbreitet?

Gerd Gigerenzer: Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist, dass viele Medien gezielt über jeden Terroranschlag breit berichten. Wenn die Terroranschläge irgendwo auf Seite fünf in einer kleinen Rubrik abgehandelt würden, dann wäre auch die Psyche der Deutschen anders.

WDR 5: Also sind die Medien schuld?

Gigerenzer: Die Medien geben Anschlägen im europäischen Raum sehr viel Platz. Dabei entstehen bei den Menschen Ängste, die dazu führen können, dass sie Risiken eingehen, die viel höher sind.

Gerd Gigerenzer

Risikoforscher Gerd Gigerenzer

Das klassische Beispiel ist der 11. September 2001. Wir wissen, dass viele Amerikaner nachher nicht mehr geflogen sind. Ich habe die Verkehrsstatistiken analysiert und herausgefunden, dass die gefahrenen Meilen in den zwölf Monaten nach dem Anschlag um bis zu fünf Prozent gestiegen sind, was dazu geführt hat, dass geschätzt 1.600 Menschen mehr als üblich ihr Leben auf der Straße verloren haben – bei dem Versuch, das Risiko des Fliegens zu vermeiden. Das ist der Zweitschlag der Terroristen. Der geht durch unsere Gehirne. Und diesen könnten wir verhindern.

Angst vor Terror weit verbreitet

Was den Deutschen aktuell die größten Sorgen bereitet, ermittelte das Umfrage-Institut Kantar Emnid jüngst im Auftrag der Funke Mediengruppe. Das Ergebnis: Angst vor dem Klimawandel hatten 71 Prozent der Befragten, vor neuen Kriegen 66 Prozent. 63 Prozent der Befragten äußerten Angst vor Terroranschlägen, 62 Prozent vor Kriminalität. 59 Prozent der Befragten fürchteten sich vor Altersarmut, 45 Prozent vor Zuwanderung. Arbeitslosigkeit war nur für 33 Prozent der Befragten ein Grund zur Sorge. Gefragt wurden am 26. und 27. Juli 2017 1000 repräsentativ ausgewählte Bürger. Ihnen standen sieben mögliche Ängste zur Auswahl. Mehrfachnennungen waren möglich.

WDR 5: Sie haben im Juni in Leonardo auf WDR 5 gesagt, Risikokompetenz sei im 21. Jahrhundert so notwendig, wie die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben im beginnenden 20. Jahrhundert. Was meinen Sie damit?

Das Worldtradecenter während der Anschlage vom 9. September 2011 mit Rauschschwaden

Verunsicherte die Amerikaner bis ins Mark: der 11. September 2001

Gigerenzer: Wenn diese Menschen, von denen ich gerade gesprochen habe, einen Moment überlegt hätten und sich nicht hätten verängstigen lassen, dann würden sie alle noch leben. Es gab in den USA in der kommerziellen Luftfahrt in den Jahren nach dem 11. September keinen einzigen Toten, auf den Straßen aber sehr viele. Das ist ein Aspekt von Risikokompetenz, nämlich die Risiken abzuwägen und zu verhindern, dass die eigenen Emotionen von außen gesteuert werden. Etwa zu wissen, was für die eigene Familie und einen selbst wirklich gefährlich ist und was weniger bedrohlich ist.

Ein zweiter Aspekt der Risikokompetenz besteht darin, die eigenen Emotionen zu verstehen. Etwa zu verstehen, dass das Objekt der Angst meist nicht durch eigene Erfahrung gewählt, sondern von außen beeinflusst wird.

Das Ziel des IS sind ja nicht die unglücklichen Menschen, die in Berlin, Paris oder woanders gestorben sind. Sondern wir sind es, die Gesellschaft, die man versucht zu destabilisieren, indem man wahllos Menschen umbringt. Gelingt es dem IS uns zu verunsichern, werden wir am Ende jedem Muslim misstrauen und einige von diesen als Reaktion darauf am Ende selbst zum IS gehen. Unsere Angst ist ihr Ziel. Wenn man das versteht, kann man emotional gegensteuern.

WDR 5: Wie lässt sich Risikokompetenz erlernen?

Jugendliche ziehen Zigaretten aus der Schachtel

In Paris ist jetzt Rauchen auf dem Schulgelände erlaubt

Gigerenzer: Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Nach den Pariser Terroranschlägen im November 2015 haben manche Schulen in Paris damit begonnen, den Schülern das Rauchen auf dem Schulgelände zu erlauben, um sie davor zu schützen, dass sie auf der Straße Opfer von Terroristen werden. Aber die Gefahr durchs Rauchen ums Leben zu kommen, oder an den Folgen des Rauchens anderer, ist wesentlich höher als durch einen terroristischen Anschlag. In den USA bringt jeder Anschlag dem Waffenhändler neue Kunden und goldene Zeiten. Auch in der Schweiz und in Deutschland ist die Zahl der Waffenkäufe gestiegen.

Aber das brauchen wir eben nicht. Wir brauchen eine offene Gesellschaft, in der wir überlegt und informiert urteilen und uns nicht verängstigen lassen - auch wenn uns im Moment der Terror zu Recht erschreckt. Risikokompetenz sollte man schon in der Schule lernen.

Zur Person

Gerd Gigerenzer ist Psychologe und Risikoforscher. Seit 1997 leitet er das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Seit 2009 ist er Direktor des Berliner Harding-Zentrums für Risikokompetenz und seit 2015 Gründer und Gesellschafter von "Simply Rational", dem Institut für Entscheidung. Als Sachbuchautor hat er sich auch international einen Namen gemacht. Seine Bücher "Das Einmaleins der Skepsis, Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten" und "Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft" sind in 21 Sprachen übersetzt worden.

WDR 5: Inzwischen hat sich manch einer schon an den Terror "gewöhnt", ist nicht mehr betroffen oder traurig. Was erstmal herzlos klingt, ist aus psychologischer Sicht eigentlich gar nicht schlecht. Warum?

Gigerenzer: Die Beobachtung ist richtig, dass sich die Menschen in Ländern, in denen man mehr Terrorismus hat, eher daran gewöhnen. Aber wir können das ja bei uns auch sehen. Wir haben im Jahr etwa 3.500 Menschen, die im Straßenverkehr sterben. Da haben wir uns anscheinend dran gewöhnt. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen schätzte, dass jedes Jahr in Deutschland 17.000 Menschen in Krankenhäusern durch vermeidbare Fehler ums Leben kommen. Hier könnte man etwas tun. Über die Dinge die uns wahrscheinlich umbringen gibt es jedoch meist keine emotionalen Nachrichten.

In unserer digitalen, schnellen und kurzatmigen Welt ist Risikokompetenz wichtiger als je zuvor. Damit können wir die Fernbedienung unserer Emotionen wieder selbst in die Hand nehmen und uns nicht von einem Schrecken in den nächsten jagen lassen. Schauen Sie mal die letzten zehn, zwanzig Jahre zurück, wovor wir uns alles gefürchtet haben: Rinderwahnsinn. Wir haben uns nicht mehr getraut in ein saftiges Steak zu beißen. Es gab keinen einzigen Toten in Deutschland an den Folgen. Dann SARS, Vogelgrippe, Schweinegrippe und so weiter. Die Medien berichten meistens sechs bis neun Monate, bis das Thema wieder fallen gelassen wird. Und uns macht jede neue Krise Sorge, bis wir sie vergessen und uns wegen der nächsten sorgen. Wollen wir wirklich so emotional leben?

Das Gespräch führte Kristina Reymann-Schneider.

Stand: 30.08.2017, 11:03